Schweizer Sommerpause 😊

104_20_Chäserrugg

Ich geniesse meine Sommerpause in vollen Zügen.
Erst noch war ich in Warschau und wartete ab, ob mich das Wetter nach einem Regentag animieren würde für einen Stadtbesuch. Nach den langen Fahrtstrecken im Norden war ich allerdings bereits etwas reisemüde und fing an, mich auf die Pause zu freuen.

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Die Landschaft Polens ist nicht aufsehenerregend, aber sehr hübsch. Ich kam an vielen Storchennestern vorbei, und auf den Wiesen waren grosse Gruppen der Langbeiner auf der Futtersuche zwischen frisch geschnittenen Grasmahden.

In Polen sieht es ein wenig aus wie bei uns im Flachland: Felder, Wälder, kleine Dörfer, dazwischen Baumreihen, manchmal etwas grössere Städte, die ich jeweils gerne umfahre. Ich habe auch einzelne, von Eseln gezogene, Holzkarren gesehen. Aber obwohl die Häuser auf dem Land oft etwas bescheidener aussehen als bei uns, waren die Dörfchen blitzsauber und hübsch, die Häuschen in verschiedenen Farben bemalt und von gepflegten Vorgärtchen eingefasst. Auch die Strassen selber waren sauber, und an den Bushaltestellen habe ich keinen herumliegenden Abfall gesehen.

Ich stelle immer wieder fest, dass die meisten meiner Vorurteile schlicht falsch waren (vielleicht mit Ausnahme jener, welche die Russen betreffen… 😊)

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Kein sehr typisches Haus auf dem Land – aber ein schönes polnisches Beispiel für ein kunstvoll gearbeitetes Schindeldach

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Es ist seltsam, wie beharrlich wir entgegen allen Erfahrungen hoffen, dass uns Freunde und Familienmitglieder für immer erhalten bleiben. Einfach, weil das so schön wäre.

Wir wüssten ‘es’ zwar besser, aber die Illusion hält sich beharrlich. Und eines Tages beginnen sich die Reihen zu lichten, und die grösseren und kleineren Kreise von Menschen, zu denen man gehört und in welchen man sich so daheim gefühlt hat all die Jahre, werden kleiner. Und immer wieder geht im Bild der ureigenen Welt ein Lichtlein aus, von dem man glaubte, dass es immer leuchten würde in seinem Winkel.

Noch in Warschau erhielt ich die Nachricht, dass eine Freundin im Sterben liege – und beschloss, die Heimfahrt nicht weiter aufzuschieben. Ich durchquerte Polen und Deutschland in kürzester Zeit – und kam um ein paar Stunden zu spät hier an. Nachdem ich in diesem Jahr schon weitere Freunde und Bekannte verloren habe, muss ich erkennen, dass unsere Generation so etwas wie nachgerutscht ist im ‘Circle of Life’. Ich bin froh, dass wir die Feste gefeiert haben, als wir dies noch gemeinsam tun konnten.

104_4_Brütten

104_20_Birke

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Unterm Kirschbaum

Und dann stand ich wieder im Schatten des Kirschbaums auf dem Hof meines Bruders und seiner Frau und freute mich über die vielen Katzen vor der Scheune, die Füchse auf der Feldstrasse, das Käuzchen im Haselnussstrauch und die Pferde auf der Wiese. Nachdem ich so lange gejammert hatte über die relative Kälte im Norden, schwenkte ich nun nahtlos um und beklagte mich über die unglaubliche Hitze (manchmal kann man es den Leuten einfach nicht recht machen).. 😊

104_6_Käuzchen

104_7_ChäserruggAls es aber gar zu heiss wurde, liessen wir uns von Wasserauen aus auf den 2262 Meter hohen Chäserrugg fahren mit Zahnrad- und Luftseilbahn, und wir freuten uns über die angenehmen 22 Grad dort oben ebenso wie über eine dramatisch schöne Aussicht auf die Berge und auf Walenstadt hinunter.

104_9_Blume
Das luftige Gipfelrestaurant aus viel Holz nach Plänen von Herzog & de Meuron ist ebenso einen Besuch wert wie die Blumenwanderung mit Schautafeln auf dem Rundweg. Sehr lehrreich.
104_7_Walenstadt
104_10_Zürich
Bei einem ‘Ehemaligen-Treffen’ der Swissair Übermittlungszentrale Mesco (lang, lang ist’s her..) im Limmatclub Zürich kamen wir in den Genuss einer Weidling-Fahrt und schönen Ansichten von der Stadt. Und zu einem vergnüglichen Essen auf der Terrasse am Flussufer.
104_11_Wallisellen
Während meinem allerersten ‘Housesittings mit Pflanzen und zwei Katzen’ für eine Freundin hatte ich eine Woche lang ein schönes Haus und einen Park für mich allein. Herrlich! Das ist eine Arbeit, die mir gefallen könnte.

104_12_Tössegg
Im Restaurant der Tössegg, wo der Rhein einen Knick macht, gab es die besten Fischknusperli des Jahres – und einen feinen Riesling aus der Gegend für mich und meine Freundin Susy..

104_13_Stützli
..und im ‘Stützlifüffzg’ in Winkel zum Abschluss des fröhlichen Nachmittags ein Speckplättli.. Schön war’s !
104_14_Nudeln
Bei Andy und Urs habe ich mich wieder einmal an selbstgemachte Nudeln gewagt und weiss nun auch wieder, dass die Putzerei danach das Anstrengendste ist daran.. 😊

104_15_Hiltl&Urs
Mit Urs habe ich im Hiltl Restaurant in Zürich meinen ersten ‘Chai’ getrunken und überrascht festgestellt, dass der richtig gut schmeckt und irgendwie ,Kaffee und Kuchen, in einem ist… 

104_16_Lindenhof_Zürich
Vom Lindenhof aus haben wir Zürichs Altstadt von oben bewundert..

104_17_Landesmuseum_Rundfunk
..und uns danach im Innhof des Zürcher Landesmuseums von der sommerlichen Feststimmung mit Musik, Bars und Beizlein anstecken lassen.
104_18_Altenrhein
An einem heissen Sommertag waren wir auf dem Bodensee unter der kundigen Führung unseres Captains Andy auf seinem Boot, welches es hier mit Geschick aus dem Hafen von Altenrhein fährt nach einem erfrischenden Zwischenstopp.

104_19_Siro
Die Weite des Bodensees ist wunderschön ! So ein gemütlicher Nachmittag auf dem Boot in einer seichten Bucht, danach den Wind in den Haaren und die Vorfreude auf ein Essen im Hafen-Beizli von Steinach – traumhaft !

(Hm. Inzwischen bereue ich es doch ein wenig, dass ich nicht schwimmen gegangen bin. Vielleicht kann ich mich ja nächstes Mal überwinden, in die kalte Frische des Wassers einzutauchen..).

104_21_Augwil

Auch in Augwil, wie unter dem Kirschbaum, ist es jedes Mal wie ein Heimkommen. In den Bäumen ums Haus hämmert täglich ein Specht, unten im Tal dreht ein Milan-Paar seine Runden über der Pferdewiese, und auch ein Mäusebussard hoch über den Dächern gehört zu den Stammgästen. Weit unten hinter den Bäumen startet hin und wieder ein Flugzeug der Edelweiss Air und vervollständigt die Ferienidylle.
Ich habe bisher die Zeit vorbeiziehen lassen, als ob ich endlos davon zur Verfügung hätte.

Nun zeigen sich aber die ersten Herbst-Vorboten; es wird Zeit, dass ich Dinge wie den grossen Autoservice oder meine geplanten Besuche anpacke.
Schon versammeln sich nämlich die ersten Stare auf den Bäumen; die Morgenwiesen sind feucht, und die überreifen Zwetschgen und Mirabellen hinter dem Haus fallen mit feuchtem Klatschen auf den Gehweg.

Dann mal los ! 😊

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Ich war in Weissrussland ! (sort of..)😊

Da mir der überaus nette Weissrusse gestern gesagt hatte, dass man ohne Visum nach Weissrussland kommt, wählte ich die Route von Vilnius nach Warschau hinunter, bei welcher man eine kleine Ecke des Landes durchquert. 57 Kilometer bis Polen, um genau zu sein. Das war also DIE Gelegenheit für einen russischen Abstecher.

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Das Vierländereck mit Litauen und Polen zwischen russischen Gebieten
(die grauen Linien sind die Ländergrenzen). Ich wusste zwar, dass ich bei Sejny von Litauen nach Polen gelange, aber von dort, wo ich bin (grüner Punkt rechts), kann ich eine Stunde lang Weissrussland besichtigen auf meiner Fahrt nach Süden, und bald nach der Stadt Hrodna kommt dann ja auch die polnische Grenze. Also los !

103_2_Grenze
1. 13.00 Uhr. Ankunft an der Grenze. Hurra, Weissrussland, ich komme !
2. Erster Stopp auf der Litauen-Seite: Haben Sie ein Visum ? Nein, ein freundlicher Belarusse gestern hat mir gesagt, ich brauche keines für Weissrussland.
Aha, sagte die Dame, und entschwand länglich mit meinem Pass und den Autopapieren, ehe sie sie mir zurückbrachte. Go, sagte sie. Ich ging.

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3. Die Barriere war offen. Dann kam ich zu einer Ampel, die nach einer Weile auf Grün schaltete.
4. Zweiter Stopp 50 Meter weiter. Nein, nicht dort, genau hier auf der Linie, deutete energisch ein uniformierter junger Mann, dessen Mütze ihn mindestens 10 cm grösser aussehen liess. Er hiess mich die Seitentüre öffnen, dann die Türe zum Bad. Das Innere des Autos wurde inspiziert mit Knüppel in der Hand. Ok, sagte er.

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5. Wieder ein Ampelstopp, wieder ein präziser Linienstopp, und wieder eine Uniform. Jetzt bin ich in Weissrussland.
6. Visum ? Ich habe keines. Irgend so ein russischer Typ hat mir gesagt, ich brauche keins. Aha ! Moment ! Meine Papiere wurden abgetippt, und im Hintergrund wurde heftig diskutiert. Ich musste im Auto warten und sah zu, wie den Leuten in Russisch in der Wäsche gewühlt wurde.

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7. Die Diskussion war offenbar beendet. Drei Turmhüte kamen zu mir, und der Sprecher der Gruppe teilte mir mit, dass auch ich definitiv ein Visum bräuchte und nicht einreisen könne, auch nicht für läppische 57 Kilometer. Immerhin sei dies aber bereits weissrussischer Boden. Wissen Sie, sagte er, Weissrussland und Russland sind sowas wie England und Schottland: zwei Länder, dieselben Regeln.

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8. Eine Dame tippte zum zweiten Mal alle meine Daten in einen Computer, dann wurden alle Autos hinter mir aus dem Weg gescheucht, damit ich wenden und falsch herum durch die Einfahrt zurückfahren konnte bis zur offiziellen Litauen-Einreisespur.

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9. Wieder wurde das Auto auf blinde Passagiere untersucht (zuerst hatten sie also Angst, dass ich jemanden bringen wollte, und nun, dass ich jemanden geholt haben könnte…), und endlich war ich in der Ausfahrtschlange. Und dort stand ich dann dreiviertel Stunden lang, bis die PW-Ampel auf Grün schaltete, währenddem rechts an uns vorbei reihenweise Lastwagen vorbeizogen.

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10. Endlich an der letzten Station (oder an der ersten, je nachdem, woher man kommt…). Papiere abgeben, warten, bis alles zum dritten Mal notiert war, und dann erhielt ich meinen Pass zurück mit einem zweiten Stempel.
Sie sind heute in Weissrussland eingereist ? fragte die litauische Zollbeamtin. Ja, wenn man so will (diesem russischen Vollidioten sage ich aber was, falls ich ihn wiedersehen sollte!). Aha. Gute Reise.
11. 15.10 Uhr. Zurück in Litauen. Grosses Déjà-vu.
12. Ich fuhr 35 Kilometer zurück und überquerte die Grenze zu Polen in Sejny. Dort interessierte sich kein Schwein für meine Papiere (ich habe auf meiner ganzen Reise bisher noch nie – NIE ! – meine ID irgend jemandem zeigen müssen bei einem Grenzübertritt).

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Meine Weissrusslandreise zusammengefasst: ich bin 100 Meter tief ins Landesinnere vorgestossen, hatte dort zwei Stunden Aufenthalt, bin nun als potentielle Schmugglerin registriert – und weiss, dass sämtliche Russen, die ich bis gestern kennengelernt habe (also gut: einer), lügen wie gedruckt. Spannend war das Intermezzo alleweil… 😊

Dreistädtetrip Helsinki, Tallinn und Riga

Wenn ich es mir so überlege, haben beinahe alle Städte der Welt einen wunderschönen KERN, sind aber aussen herum eher grau, industriell, etwas langweilig und unansehnlich, nicht ? Das gilt auch für Helsinki, Tallinn und Riga. Ich sage dies, damit diese Tatsache nicht untergeht im Schwärmen, und damit nicht der falsche Eindruck von ‘perfekt’ entsteht. Falls jemand eine Stadt kennt, die von aussen bis innen perfekt ist, möchte ich diese wirklich gerne besuchen. (na-haaaa ?).

In Helsinki fiel mir auf, dass ich weiter im Norden keine Strassenmusikanten mehr angetroffen hatte (vielleicht war es ihnen auch zu kühl dort). In meinen drei Städten gibt es sie wieder überall, vom Klassik-Trio über Rockröhren bis hin zu Fiddlern und Flötenspielern.

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Da sind sie, meine Stationen von Norden nach Süden. Heute bin ich in der Nähe von Vilnius angekommen.

Zwischen Litauen und Polen liegt eine russische Exklave um die Stadt Kaliningrad. Dort darf ich nicht hin ohne Visum, aber nach Weissrussland dürfte ich im Prinzip während dreissig Tagen, hat mir ein Belarusse gesagt (mit dem Autokennzeichen BY).

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Die Aussicht vor dem Campingplatz in Heinola nördlich von Helsinki auf einer kleinen Insel.

Hier gibt es eine Sauna, die von morgens 7.30h bis 9.30h für Frauen reserviert ist, von 10 bs 12 für Männer. Ich hätte das ja lieber anders herum, denn an meinen beiden Sauna-Morgen habe ich es jeweils gerade noch hinein geschafft um 8.50h und musste mit dem Timer durch die Entspannung stressen.. 😊
102_2_Heinola
Ich wohne hier zwar auf der Insel, gleichzeitig aber ’unter einer Brücke’, über welche der Verkehr Tag und Nacht rattert. Erstaunlicherweise gewöhnt man sich rasch daran, wenn man nicht immer hier wohnen muss (vielleicht sogar dann..)

Helsinki

Randnotiz: Finnland wurde 1809 zu einem Grossfürstentum unter russischer Herrschaft und erst 1917 unabhängig.

102_4_HEL Dom
Der Dom und Wahrzeichen von Helsinki
(finnisch Helsingin tuomiokirkko oder Suurkirkko, schwedisch Helsingfors domkyrka) ist eine evangelische Kirche und die Kathedrale des lutherischen Bistums Helsinki. Ein paar Prozent von Finnlands Bevölkerung sind Schweden, weshalb viele Dinge auch in Schwedisch angeschrieben sind. Nicht, dass ich schwedisch könnte, aber im praktischen Vergleich verstehe ich es um Welten besser als finnisch..

Helsinki hat eine einzige U-Bahnlinie, man kann sich also nicht wirklich verfahren. Und praktischerweise ist eine Haltestelle gleich um die Ecke vom Campingplatz und deponiert einen direkt im Zentrum der Altstadt.

102_5_HEL Hafen
Vorne ein öffentliches Bad, dahinter die Anlegestelle für Ausflugboote, rechts davon der grosse Marktplatz und ganz rechts der Dom. Ferienstimmung !

102_6_Uspenski
Die Uspenski-Kathedrale
Sie ist im russisch-byzantinischer Stil aus roten Ziegelsteinen erbaut – und 1868 eingeweiht – worden. 13 Kuppeln mit vergoldeten Spitzen leuchten hell in der Sonne und machen aus dem Backsteinbau erst das anziehende Schmuckstück.

102_7_UspenskiAuch das Innere ist prachtvoll geschmückt mit viel Gold und kyrillischen Beschriftungen

102_8_HEL_KämpIst dieser Eingangsschmuck vor einem Hotel nicht wunderschön ? Die Orchideen sind echt !
102_9_AlexanderII

102_10_MonamiAuf dem City Campingplatz Rastila, das Restaurant ‘Monami’. Jeder Raum im Haus ist umfuntioniert worden in Gaststuben, Stübchen und Galerien. Es ist so gemütlich dort, dass man gar nicht mehr weggehen möchte. Ausserdem kochen die Damen hier vorzüglich !

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Die Arche Noah steht auch hier und wird ebenso bewohnt wie der finnische Walfisch mit Dachterrasse, der auch schon bessere Tage gesehen hat..

Von Finnland nach Estland mit der ‘Viking Line’

Zwischen den beiden Ländern (bzw zwischen Helsinki und Tallinn) liegen 90 Kilometer; dafür benötigt die Fähre knapp drei Stunden.

Ich stand mit vielen anderen am Hafen von Helsinki und staunte, wie effizient die Fähren entladen und beladen werden (zum ersten Mal fuhr ich hier in einem bis zum letzten Platz besetzten Schiff).

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Zuerst war aber etwas Geduld angesagt, denn die ausgebuchte Fähre von 10.30h war noch vor uns dran. Ich wartete mit einer ganzen Reihe von Oldtimern, die an der ‘American Beauty Car Show’ in Estland teilnehmen wollten – mit Autos in verschiedenen Rost-Stadien und mit Damen mit getupften Schleifen im Haar und Betty Boop Täschchen am Arm.

102_14_AmericanBeauties
Von den vier Buchstaben des Markennamens am Heck sind noch ‘F_R_’ übrig… (sogar ich löste dieses Rätsel – mehr wüsste ich aber beim besten Willen nicht über diese spezifische, offenbar Show-würdige Rostlaube zu berichten..)

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Ein letzter Blick zurück nach Helsinki, dann stürzten sich viele Gäste direkt an die (zollfreie) Bar und bestellten erst einmal einen doppelten Cuba Libre (es war inzwischen ja auch bereits 11 Uhr 30 geworden…).

Dieses Mal hatte ich mir mein Parkdeck gemerkt, und als wir in Tallinn ankamen, sass ich abfahrbereit im Auto im dritten Stock beim Ausgang 3.4. Es geht schon, wenn man es erst einmal gelernt hat… 😊

Tallinn – Hafen und Mittelalter-Charme

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Der Hafen Pirita mit Campingplätzen in Tallinn.

Dieser Hafen wurde extra gebaut für die Olympischen Spiele von 1980; unten beim mittleren Fahrenmast ganz links steht sogar noch die ‘Lampe’ für das Olympiafeuer. An der Sport-Infrastruktur hat der Zahn der Zeit genagt, aber der Hafen selber fühlt sich richtig heimelig an, und es gibt hier alles, was man braucht, sogar ein ‘Sailors Home Café’ mit Terrasse. Ausserdem ist man mit dem Fahrrad in knappen 15 Minuten mitten in Tallinn.
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Auch abends wird den Gästen im Hafen Pirita etwas geboten

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Dieses originell bemalte Boot wurde eben auf den Platz gefahren. Ein gelungenes Werk, finde ich.

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Tallinn ist wunderbar anders !
Und eine Hansestadt ist es auch ! Sie hiess lange Reval und trägt deshalb das ‘Hanse’ nicht im Namen. Stolz ist sie dennoch auf das Erbe, und hier hat man beschlossen, dieses konsequent zu vermarkten. Das zieht sich durch die ganze Altstadt hindurch.

Es gibt scharenweise Angestellte in mittelalterlichen Kostümen. Sie sind Kellner, Verkäufer in stilechten Interieurs, Musikanten und Sänger auf üppig mit Blumen und Pflanzen dekorierten Plätzen. Man trinkt Kaffee aus glasierten Tontassen und taucht ein in das Pfeifen der Dudelsäcke, das Wummern der Trommeln und die Ankündigungen des Marktschreiers, die jeweils mit ‘Vivat’ enden und von allen anderen Darstellern mit einem ‘Vivat’ beantwortet werden.

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Das unfallfreie Gehen in diesen Schuhen dürfte einiges an Übung erfordert haben. Laut diesen beiden ‘Hanseaten’ waren Schnabelschuhe der Oberschicht vorbehalten; da war das Üben wohl kein allzu grosses Opfer..

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Etliche Wachtürme und Mauern der mittelalterlichen Stadt sind gut erhalten und geben dem Ganzen einen authentischen Rahmen

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Auch hier fehlt sie nicht, die vergoldete orthodoxe Kirche am Aussichtspunkt über der Stadt..

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Die markante Pyramide rechts habe ich schon von meinem Platz am Hafen aus gesehen und wollte es genauer wissen.
Das hätte ich mir ebenso gut ersparen können, aber nun weiss ich immerhin Bescheid. Ein alter Herr mit triefenden Augen hat am Eingang einen Euro fünfzig von mir kassiert, mir ein Traktätchen in die Hand gedrückt und mich Richtung Geröllhalde geschickt.

Es handelt sich um ein ehemaliges Kloster der Birgitterinnen (estnisch Pirita), welches 150 Jahre lang existierte, bis die russische Armee 1575 die Nonnen gefangen nahm und es zerstörte. Danach diente das Material als Steinbruch für Bauten in der Umgebung. Ok. Erledigt.

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Riga – eine Perle von einer Stadt

Riga liegt an der Düna und ist die Hauptstadt Lettlands. Sie gilt auch als die nordeuropäische Hauptstadt des Jugendstils, welcher um die Wende vom 19. zum 20.Jahrhundert entstand. Was für eine fröhliche, lebhafte, freundliche Altstadt mit ihrer charmanten Mischung aus Mittelalter und Jugendstil ! Und gleich jenseits der Brücke die Moderne, die hier ebenfalls zelebriert wird.

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Die beiden stimmgewaltigen Bandura-Spieler aus der Ukraine sangen sich direktamang in mein Herz mit ihrem melancholischen ‘Lety, Moia Dumo’. (ich hatte ja ein Mini-Filmchen gemacht, aber mein Gratis-Blog unterstützt diese nicht – pah !)

Da mein Ukrainisch noch viel schlechter ist als mein Finnisch (in Finnisch weiss ich immerhin, was ‘offen’ heisst 😊 ), habe ich keinen Schimmer, was das bedeutet, aber das Lied berührte mich dermassen, dass ich ihnen 5 Euro in den Kasten warf, obwohl ich normalerweise maximal 10 x 2 Euro an Musikanten spendiere pro Stadtbesuch.

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Für einen Euro darf man hier 5 Minuten lang versuchen, den Meister zu schlagen. Der Meister ist der Junge im Vordergrund, und diese Partie hat er locker für sich entschieden unter dem Applaus der Zuschauer.

102_34_RigaDas moderne Riga auf der anderen Seite der Düna

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Ein älteres Paar aus Riga hat mich angesprochen im Strassencafé, wo ich einmal mehr ein Pecan-Süssgebäck mit Kaffee genoss (ich befürchte, ich habe ziemlich an Gewicht zugelegt, seitdem ich mich auf die Süssigkeiten des jeweiligen Landes spezialisiert habe).

Als sie ‘Schweiz’ hörten, ergingen sie sich augenblicklich in ein Loblied darüber.
Als sie letztes Jahr nämlich ferienhalber in Rapperswil waren, vergass der Mann seine Kamera auf der Bank im Café. Er bemerkte dies erst, als sie sicher fünf Minuten weiter geschlendert waren. Er wollte nicht einmal zurückgehen, weil er überzeugt war, dass das Ding schon längst gestohlen worden wäre. Da rannte ihnen ein Mann nach, musterte die Beiden und überreichte dem Mann seine Kamera. Er hatte die Besitzer anhand der gemachten Bilder identifiziert.

Diese Geschichte erzählt der Mann immer wieder (warf seine Frau entschuldigend ein) – aber gibt es eine bessere ‘Reklame’ für ein Land als solche Geschichten ? Mich hat sie jedenfalls gefreut (obwohl ich eine vorsätzliche Wiederholung dieser Situation nicht empfehlen würde…).

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In den Strassen tummelten sich am Samstag viele Gruppen zum Fest des Junggesellenabschieds.
Ein bemitleidenswerter Kandidat rannte auf Skiern durch die Altstadt, angefeuert von seinen bereits ziemlich bierseligen Polterabend-Kumpeln. Die Damen hier haben ihre High Heels montiert (sehr ungünstig auf Kopfsteinpflaster), um es sich vielleicht auch dereinst leisten zu können, in bequemen ‘Braut-Turnschuhen’ ihren eigenen Abschied zu feiern.. 😊

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Gestern kam ich 350 Kilometer weit entlang riesiger, flacher Kornfelder. Lettland und Litauen müssen eine der Kornkammern Europas sein; die Kornfelder dehnen sich aus, soweit der Blick reicht. Die Felder werden von etwas Wald oder Busch begrenzt, und hin und wieder gibt es zur Abwechslung ein Maisfeld oder eine Wiese. Die Bauernhäuser dazwischen sind aus altem Holz mit Wellblechdächern – oder aber herrschaftlich aus Stein mit glänzenden Silos daneben.

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Nach den drei Städten und 1000 Eindrücken hatte ich plötzlich keine Lust mehr, mir nun auch noch Vilnius anzusehen. Ich wählte deshalb einen Campingplatz auf dem Land.
Auf diesem Platz ist es in der Nacht so still, dass man beinahe glaubt, die Tannen atmen zu hören.

102_39_RudiskesDas Ding rechts vorne ist die einzige Beleuchtung Richtung Toiletten in der sonst zappendusteren Nacht. Schade, dass das Lämpchen kaputt ist… 😊

Der Platz ist auch beinahe leer: zwei Zelte stehen unten beim Weiher, und vier WoMo weit verteilt rund um die Blockhütte mit dem Aufenthaltsraum und der Reception. Es ist so richtig friedlich hier.

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Ich glaube, nun ist meine Neugier für eine Weile so etwas wie aufgebraucht  – und mein Eindruck-Speicher voll.

Ich dachte schon einmal über ein etwas zügigeres Heimreisen nach. Geht aber nicht, denn wenn ich 350 km weit komme an einem Tag, bin ich dafür mindestens vier Stunden unterwegs und finde dann, dass das reicht. Und es ist natürlich auch so: wenn man schon mal hier ist…

Vielleicht schaffe ich es aber, den Verlockungen von Minsk, Warschau, Berlin, Prag und Wien (samt Lodz und seinem Theo) zu widerstehen…😊 – und halt ein anderes Mal nochmals hierher zu kommen.

Auf jeden Fall aber freue ich mich schon sehr auf alle bekannten Gesichter und das  Heimkommen. 

Von Norwegens Gebirge zu Finnlands grünen Hügeln

Meine Schreibpause hat sehr direkt mit dem Wlan zu tun, welches ich hier meistens nur in der Nähe der Reception antreffe. Meistens reicht es, um Mails und Nachrichten zu erhalten, aber zum Schreiben nicht wirklich. Hier gibt es nur Wlan im Restaurant, also sehe ich mich gezwungen, dort zu essen, obwohl das Signal auch hier etwas schwach ist auf der Brust..

Gestern nach meiner Ankunft hier in Kuopio habe ich übrigens hier meinen allerersten Halloumi-Burger gegessen – aus diesem Käse, der nicht schmilzt. Das Nicht-Schmelzen von Käse ist zwar irgendwie verdächtig, wenn man aus dem Land des Raclette stammt, geschmeckt hat der Burger aber sehr gut.

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Skibotn, Norwegen. Die Berge hier sind einfach dramatisch schön

Auto-Banause im Einsatz !

Als ich in Skibotn losfahren wollte Richtung Finnland, leuchtete einmal mehr das orange Alarmlämpchen für Öl in meinem Auto; das hatte es zu meinem Schrecken in den letzten Tagen schon öfter getan, und ich gab inzwischen ebenso viel aus für Öl wie für Diesel (das hat man davon, wenn man keinen blassen Schimmer hat von Autos). Ich weiss nur, dass man ohne Öl auf keinen Fall fahren darf, also habe ich jedes Mal, wenn das Lämpchen leuchtete, Öl nachgefüllt..

Dieses Mal waren es aber gut zwei Liter, dabei hatte ich gestern schon einen Liter nachgegossen. Und der Alarm leuchtete weiter ! Schliesslich riskierte ich alles (Banausen denken das !) und fuhr zur Werkstatt einen Kilometer von hier (was für ein Glück, dass es überhaupt eine gibt hier, wo sich Wasserfall und Sumpf gute Nacht sagen).

Der Mechaniker dort hat sich meine Leidensgeschichte aufmerksam angehört – und dann hat er gut drei Liter feinstes, neues Öl aus dem Motor abgelassen. Ähem – Ich Anfänger hatte den Motor ersäuft…. Jetzt läuft er wieder alarmfrei und tadellos, und ich habe meine Lektion gelernt. Bezahlen musste ich auch nichts; der Chef meinte, er werde das noch praktisch ungenutzte Öl gut zu verwenden wissen.. 😊

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Durch die Weite Finnlands

Sehr bald nach Skibotn war ich plötzlich in Finnland. Die schroffen Berge machen  niedrigen Hügeln und Wäldern Platz, und der Blick geht in die grüne Weite hinaus: dichte Wälder aus Fichten, Kiefern und Birken. Überhaupt sind Birken der Baum im Norden, denn sie mögen feuchte Füsse und trinken gerne..

Euro-Land. Meine letzten 30 norwegischen Kronen habe ich gestern nach meiner garagenbedingten Aufenthalt-Verlängerung für die Sauna ausgegeben, passt also perfekt.
Gleich nach der Grenze gab’s einen grossen Supermarkt, und alle, alle gingen da einkaufen, also habe ich mitgemacht… Drinnen sah ich auch, warum: die Bierabteilung war bestimmt 10 Meter lang, und die Lebensmittel sind billiger zu haben als noch vor ein paar Kilometern in Norwegen.

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Finnland – Muonio

Ich stehe am Fluss auf meinem ersten finnischen Campingplatz Harriniva. Er gehört zum edel-rustikalen Hotel, das auch den Platz betreibt.

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Camping Harriniva. Im runden Haus hinten ist die Küche für alle, die lieber auswärts grillieren oder kochen möchten als im Auto

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Auch eine Mikrowelle mit Kochplatten steht auf allen Plätzen zur Verfügung. Zeltbewohner sind hier sehr zahlreich; viele sind mit dem Motorrad oder Velo unterwegs.
101_6_Rafting.jpgRafting ist eines der Angebote auf dem Fluss Muonioälven.

101_7_Snowmobile.jpg..und im Winter Eisfischen per Schneemobil
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In der gemütlichen Hotelbar kostet ein Glas Wein plötzlich nur noch 4 Euro 50 statt wie bisher 9 bis 12 Euro. Ich glaube, die Finnen sind mir sehr sympathisch.. 😊

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Einen Haken hat der Platz aber schon: Mücken !

Am zweiten Tag war es hier windstill bei schönstem Sonnenschein. Was war das für ein schaurig-schönes Bild im Licht der abendlichen Nordsonne: riesige Mückenschwärme tanzten über dem Fluss, eine leuchtende Wolke aus flirrenden, sonnenvergoldeten Pünktchen – ein furchteinflössendes Ballett.
Diese Mücken sind anders als unsere: träger und grösser (also gut fangbar – sie machen es aber mit der schieren Menge wett), und ‘sssiii’ sagen sie auch nicht wie unsere – sie stechen lautlos, aber gründlich – notfalls auch durch Jeans hindurch.

Ich habe mir sofort einen Mückenstecker gekauft im Hotelkiosk (Stecker: 18 Euro, Übernachtung 25 Euro..), natürlich erst, nachdem ich bereits einige Stiche abbekommen habe, die sich inzwischen zu schönen Knubbeln und Hörnern entwickelt haben.
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Dieser schwedische Autofahrer war heute kurz im Nachbardorf. Noch so ein paar Fahrten, und die Nummer ist nicht mehr lesbar..

Die Receptionistin hat mich aufgeklärt: Der finnische Name von Finnland ist Suomi und bedeutet Sumpf (diesen Zusammenhang hatte ich bei den Samen, welche mir als Sumpfleute übersetzt worden waren, noch gar nicht gemacht (da hatte es aber auch noch keine Mücken..).
Wenn man See als ‘Gewässer ab 500m2’ definiert, hat Finnland 187’888 davon ! Der Raum dazwischen besteht aus Ackerland, Strassen und Städten – und Flüssen, Wasserfällen und Sumpf – und er bietet den Mücken einen geradezu idealen Lebensraum – vor allem, wenn die blutliefernden Touristen reichlich aufkreuzen..

101_11_Schlittenhunde.jpgHier gibt es auch eine Schlittenhund-Farm.

Ich habe mich zur Besichtigung diskret den Touristen eines Twerenbold-Reisecars angeschlossen. Die Hunde sind schön, aber diese Käfighaltung gefiel mir gar nicht; ich blieb nicht lange. Aus falsch-romantischen Gründen hatte ich mir die Schlittenhunde als ‘Familienhunde’ vorgestellt, welche schwanzwedelnd auf ihren Einsatz warten und bei den Familien im Haus wohnen. Man lernt halt nicht nur die schönen Dinge kennen in einem neuen Land..

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Apropos lernen: das Schwedenrot heisst ‘Falunrot’ !

Gibt es auch in Finnland… Ich dachte mir – noch in Schweden, dass dieses Rot kaum so populär wäre, wenn es, wie ich es spontan tat, als ‘Ochsenblutrot’ bezeichnet würde.. Wird es auch nicht. Diese Aussendispersionsfarbe heisst Falunrot (schwedisch Faluröd) nach dem Ort Falun und dessen seit 1992 geschlossener Kupfermine in dieser Farbe. Sie wird hauptsächlich in Schweden hergestellt. Passt.

Finnisch, die andere Sprach-Geschichte..

Finnisch (Suomi oder Suomen kieli) gehört zu den finno-ugrischen Sprachen, ist eng verwandt mit estnisch und entfernt verwandt mit ungarisch.

Meine eigene Erklärung für diese Sprache geht so: Als die Sprachen ihre Buchstaben bezogen an der allgemeinen Ausgabestelle, gab es einige, die ihren Sack voller Buchstaben nicht mitnahmen: Thailändisch, Indisch oder Griechisch zum Beispiel wollten lieber eigene Zeichen malen, und Englisch liess unter anderem sämtliche ‘K, Ä und Ö’ liegen. Als Finnisch sich endlich durch den mückenverseuchten Sumpf zur Ausgabestelle gekämpft hatte, lagen da säckeweise Buchstaben herum, die niemand wollte, also hat Finnisch sie alle mitgenommen und – um den Überfluss zu verwerten – daraus möglichst lange und komplizierte Wörter gebaut. Und wenn dann so ein Wort kreiert war, wurden noch ein paar weitere Vokale dazwischen geworfen, damit auch diese eine Aufgabe hätten.

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Dieses Gebäck schmeckt übrigens wunderbar: sehr süss und nussig-knusprig mit feuchtem Innenleben..

Und so kam es, dass aus einem einfachen Pecan-Gebäck ein Pirkka Pekaanipähkinäviineri wurde in Finnisch. Im Gegensatz zum Schwedischen oder Norwegischen kann man oft nicht einmal ansatzweise erkennen, wovon es die Leute gerade haben ! Vor dem offenen Restaurant stand in Schweden jeweils ‘öppet’ und in Norwegen ‘åpen’; bei beiden kann man die Bedeutung offen/open erahnen. In Finnland heisst es nun avoinna (McDonald’s, avoinna 24h). Na toll..

Finnisch gibt es auch nicht im Lern-Angebot bei den Apps DuoLingo oder Babbel, also weiss ich im Moment nicht so recht, welche Sprache ich als nächstes meucheln könnte.. 😊

101_14_Brot..was das Brot mit den Worten zu tun hat, ist nicht ersichtlich – dass Finnisch an einem Umlaut-Überfluss leidet, schon..

101_15_PastaOben finnisch mit inflationärem Buchstabeneinsatz – unten schwedisch, und schon versteht man es auch: Pasta mit Spinat und Pestosauce (geht doch…)

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Hier heisst es, dass man den roten Knopf drücken soll, wenn man die (Benzin-) Pumpe sofort abstellen möchte. Dachte ich mir schon… 😊

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Abschluss meiner Beweisführung, dass Finnisch ‘anders’ ist. Suchbild: finde das Wort ‘Asphalt’; das verstehen wir nämlich..

101_18_Rovaniemi.jpgHier wohnt der Samiklaus: Rovaniemi/ Napapiiri, FIN

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Rovaniemi am Fluss Kemijoki – hier kommen seit jeher die Reisenden auf dem Weg nach Norden oder Süden vorbei (rechts der Campingplatz)

Darf ich vorstellen: Lapplands Hauptstadt und gleichzeitig die grösste Stadt Europas: Rovaniemi

Rovaniemi ist viel berühmter für seinen Samiklaus als für die Tatsache, dass es die grösste Stadt Europas ist (zwar nicht an der Einwohnerzahl von 60’000 gemessen, aber an ihrer Ausdehnung über 8016 km2). Das meiste davon ist Wald..

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Die Hauptpost des Santa Claus: hierher kommen die Briefe aus der ganzen Welt, auch wenn sie nur an Santa Claus, den Samiklaus im Wald oder an Babbo Natale adressiert werden. Sie sind nach Land abgelegt und werden offenbar sogar beantwortet. Eine hübsche Idee.

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Alles Weihnachten ! Das Santa Village besteht vor allem aus Souvenirläden, Cafés und Bars – und aus Bungalows, die alle einen Weihnachtsbaum auf dem Balkon stehen haben. Auf dem Hauptplatz läuft pausenlos Weihnachtsmusik, und ich habe mich dabei ertappt, wie ich ‘Stille Nacht’ mitgesummt habe. Das Dorf hier ist eine reine Touristenfalle. Der Samiklaus sitzt auf einer Bank im ‘Meet Santa’ – Haus, und ihn zu fotografieren ist streng verboten. Man kann sich aber mit ihm zusammen fotografieren lassen – für 35 Euro das Bild…

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Auch der Hinweis auf den Polarkreis, der hier verläuft, darf nicht fehlen. Nun ja, nicht direkt ‘hier’, sondern inzwischen etwa 124 Meter weiter nordwärts, aber was sind schon Linien..

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Der Berner Florian wird dieses Jahr 30 Jahre alt. Er hat sämtliche Ferien und Überzeiten zusammengenommen und noch etwas unbezahlten Urlaub dazu – und nun hat er beinahe vier Monate Zeit für die grosse Freiheit in seinem alten VW LT35, den er selber umgebaut hat. Ein richtiges Bett von 120 cm Breite füllt den Innenraum beinahe aus, darunter stehen Rako-Boxen mit allem Reisematerial.

Wir haben bei mir mit Kaffee und Kuchen angefangen, uns dann plaudernd durch eine Flasche sizilianischen Wein getrunken und danach auch meinem Limoncello aus Sorrento den Garaus gemacht. Inzwischen war es (sonnige !) 4 Uhr morgens geworden, und da wir beide abreisen wollten, wurde es höchste Zeit für ein wenig Schlaf.
Nach einer längeren ‘Solo-Zeit’ finde ich es immer schön, wenn ich mich mit jemandem unterhalten – und eine Flasche Wein trinken – kann (ich habe immer noch zwei Flaschen von den acht, mit denen ich am 1. Mai nach Göteborg gekommen bin). Für mich ist es mit dem Wein wie mit dem Fondue: beide schmecken eigentlich nur in Gesellschaft. Wenn es also keine Bar gibt auf einem Platz, lasse ich es gut sein und bleibe beim Kaffee.

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Der Strand von Oulu auf der Ostseite des Bottnischen Meerbusens. Diesem Meer bin ich im Mai ab Stockholm schon eine Zeitlang an der westlichen Küste entlang gereist.

Kuopio an der ostfinnischen Seenplatte

Gestern bin ich nach einer furchtbar langweiligen Reise-Etappe in Kuopio angekommen. 300 Kilometer lang fuhr ich durch Wald, Wald und Wald: Föhren, Kiefern und Birken, hin und wieder überraschend ein Hof und grosse Felder, auf denen geheut wurde oder Kühe grasten. Die Strassen sind sehr gut, also gab es dort auch nichts aufzupassen.. Das einzige Highlight waren ein paar Rentiere, welche am Waldrand grasten.

Nach ein paar Stunden Wald habe ich den nächsten Campingplatz angesteuert. Dass es sich um ein ‘Holiday Centre’ handelt, habe ich erst bemerkt anhand der Sportplätze, Schafstreichelgehege und des grossen Restaurants. Ich bleibe normalerweise lieber auf kleinen Plätzen, aber grosse bieten dafür den Vorteil von besserer Infrastruktur.

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Das Paar am Nebentisch hat etwas Pizza übrig gelassen… Die freche Möwe hat ganze Teigränder am Stück hinunter gewürgt und mich meistens keines Blickes gewürdigt.

Man merkt nun auch, dass überall die Sommerferien begonnen haben: es hat viele Familien auf dem Platz. Das gefällt mir ganz gut, denn nachdem wir Alten lange unter uns blieben, kann ein wenig ‘Leben in der Bude’ nichts schaden.

Ausserdem bin ich nun bei der finnischen Seenplatte angekommen; die Weiterreise dürfte also interessanter werden (die Seenplatte ist ähnlich entstanden – und ebenfalls während der Eiszeit) wie die Fjorde – oder unsere Seen…
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Der Platz hier ist von Seen umgeben; alle paar Schritte steht man an einem Ufer mit Wasserpflanzen. Wie schon in Schweden ist das Land hier ein riesiges Seengebiet, das von etwas Land unterbrochen wird…

Von hier aus sind es noch gut fünf Stunden Fahrt bis hinunter nach Helsinki.

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Tromsø, Stadt des Salsa

Tromsø liegt 344 km nördlich des Polarkreises, was der geographischen Breite von Nord-Alaska entspricht.

So besehen passt die frische Temperatur von 9 Grad natürlich. Was mir weniger passt, ist der zuverlässig wiederkehrende Regen.

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Tromsø: Das kleine, weisse Dreieck vor der Tromsø-Brücke ist die Eismeerkathedrale, und das grosse, weisse Dreieck links vorne ist Schnee. Ich glaube, es wird nun doch langsam Zeit, südwärts zu halten..

101_02_CPTromsö Der ‘Campingplatz Tromsø’ ist mit 42.50 Euro die Nacht mein bisher teuerster.
Wir stehen allerdings auch auf sehr ebenem Beton, und jeder hat vor seinem ‘Häuschen’ einen Kunstrasen (!); man ist beinahe versucht, sich die Schuhe abzuwischen, ehe man aus dem Auto steigt.. (romantisch wohnen hier immerhin die Zeltbewohner).

Was dem Platz an Charme fehlt, macht er dadurch wett, dass die Stadt sehr gut zu Fuss erreichbar ist. Und das Camping-Restaurant hat mir einen köstlichen, saftigen Lachs mit Kartoffeln und Gurkensalat serviert.

101_03_Bayern
Heute Mittag sind diese Traktoren auf den Platz gefahren – beide mit einem kleinen Wohnwagen im Schlepptau. Die beiden Bayern sind wieder auf dem Heimweg, nachdem sie aus Münchens Norden bis zum Nordkap gefahren sind – mit max. 39 kmh.. Was für ein Abenteuer !

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Das ist die Route, die die beiden Traktorfahrer in 6 Wochen Reise schaffen wollen. Wow !

Heute ist auch eine deutsche Reisegruppe eingetroffen mit 20 Fahrzeugen, darunter einige ‘Morelo Palace’-Modelle (ab gut einer Viertelmillion Euro zu haben), deshalb gibt es heute keinen Platz mehr für die sympathischen Bayern. Wie schade.

Vorhin sass ich im Restaurant beim Kaffee, als die ganze deutsche Reisegruppe hereinkam für eine Lagebesprechung. Das offensichtlich genervte, völlig humorlose Reiseleiterpaar hat sich alsbald mit überschlagender Stimme beklagt, dass diese Gruppe NIE zufrieden sei mit den persönlich zugewiesenen Plätzen – was ihnen noch nie, nie passiert sei in all ihren gloriosen Reiseleiter-Jahren – und dass die Leute sich ab sofort gefälligst selber um einen geeigneten Platz bemühen sollten.
An dieser Stelle des Lamentos habe ich mich diskret in mein Häuschen verdrückt. Es steht einfach perfekt, wo es steht (..oder doch nicht ?).

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Das ist sie, die berühmte Eismeerkathedrale (‘Ishavskatedralen’), das Wahrzeichen von Tromsø

Wobei der Name einer kleinen Richtigstellung bedarf:
Die Kathedrale ist weder aus Eis noch eine Kathedrale. Eigentlich heisst sie einfach nur ‘Tromsdalen Kirke’. Das mit dem Wahrzeichen stimmt aber schon..

101_06_Ishavskatedralen
Im Sommer (also jetzt bei sommerlichen 9 Grad) wird täglich um 14 Uhr ein halbstündiges Orgelkonzert geboten in der Kirche. Ein Genuss !
(unter anderem wurde das Adagio aus der Sonate für ‘Fioline, Fløte og Cembalo’ von C.P.E. Bach gespielt).

Die Form dieser evangelisch-lutherischen Kirche soll an übereinander geschichtete Eisplatten erinnern. Der Architekt wollte sie ganz puristisch halten, auf dass sich das Polarlicht übers Jahr im klaren Glas widerspiegeln könne.
Dann gab es aber doch ein buntes Glasmosaik mit dem Thema ‘Die Wiederkehr Jesu’ auf die Chor-Fassade, weil die Stimmung in der Kirche als zu seelenlos befunden wurde (worauf sich der Architekt prompt wütend die Haare gerauft haben soll..).

101_07_Ishavskatedralen
Zwei grosse Busse haben eben ihre Ladung an Kreuzfahrt-Gästen des schwimmenden Wohnblocks ‘Mein Schiff’ ausgespuckt. Dann wurden geschätzte 1000 Fotos gemacht, und 15 Minuten später waren sie alle wieder weg (ich finde Kreuzfahrten übrigens ganz wunderbar – solange sie nicht in einem Wohnblock stattfinden)..

101_08_Tromsö_pan
Da das Wetter für morgen wieder Regen verspricht, habe ich mich gegen 20 Uhr (beinahe hätte ich gegen Abend gesagt 😊 ) aufgemacht zur Gondelbahn an Tromsøs Hausberg ‘Fjellheisen’. Die Sicht über die Stadt aus 750 Metern Höhe ist toll.

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Links hinten vor den Schneebergen liegt Tromsøs Flughafen (TOS). Ein Schiff fährt ein auf dem spiegelglatten Tromsøysund (Sund=Meerenge), von der Terrasse erklingt flotte Salsa-Musik, und vor mir im warmen, gemütlichen Restaurant steht ein Glas Rioja. Manchmal passt einfach alles.  

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Diese Salsa-Tanzgruppe aus der Stadt hat ihr wöchentliches Übungstreffen auf den Berg verlegt und die ganze kühle Umgebung in heisse Samba-Rhythmen getaucht.

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Als ich gegen Mitternacht vom Berg gondelte und danach 20 Minuten zu Fuss zum Campingplatz (rot markiert) spazierte, folgte mir die Musik vom Hügel herunter bis zum Platz (was für eine Akkustik). Das habe ich nun davon: Tromsø wird für mich immer die Stadt der Salsa-Musik sein. Was für eine Überraschung.. 😊

Im Land der Huldrer&Trolle

Mitternachtssonne in Andenes

Kleiner Nachtrag aus Andenes, ehe ich mit der Fähre nach Senja übersetzte: nach einem sonnigen Tag kam das Schauspiel der nicht sinkenden Sonne doch noch zum Tragen. Faszinierend.

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Die Sonne hat es nicht geschafft bis zum nördlichen Horizont hinunter ! Dies war ihr tiefster Punkt; ich habe ihr vorsichtshalber bis 2 Uhr morgens beim vergeblichen Sink-Versuch zugesehen, weil ich es wirklich wissen wollte. Als ich aufgab, war sie bereits wieder am Steigen..

100_2_Mitternachtssonne..Ich war auch nicht alleine unterwegs um Mitternacht. Die Campingplatzbewohner standen reihenweise auf der Hügelkuppe und liessen sich blenden

100_3_MitternachtssonneDer Blick nach Westen zeigt, dass die Sonne tatsächlich taghell scheint, als ob die Nacht abgeschafft worden wäre (ist sie momentan ja auch).

Nach 2 Uhr gab ich es auf und ging schlafen (Ich betrachte dieses Sommernacht-Tagschlafen als gute Vorübung für meine zukünftigen Mittags-Schläfchen, die ich mir immer noch nicht habe angewöhnt habe, obwohl sie so gesund sein sollen..) 😊
Senja

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Eine Fähre hat mich in 100 Minuten von Andenes nach Gryllefjord auf die Insel Senja gebracht
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Senja ist im Gegensatz zu den Lofoten-Inseln noch wild und rau, urtümlich und ungepützelt, also touristisch noch wenig erschlossen.
Das dürfte sich bald ändern, denn als ich den Suchbegriff eingab, wurde die Insel gleich mehrfach als ‘Geheimtipp’ gehandelt – und auch auf den vorherigen Campingplätzen wurde sie mir mehrfach empfohlen. Hoffentlich wird Senja nicht auch noch ein ‘Unesco-Welterbe’, denn dann ist es endgültig vorbei mit der Beschaulichkeit.

Apropos: ich mag den Ausdruck ‘Unesco Welterbe’ schon gar nicht mehr hören und werde diesen Titel auch dann nicht mehr erwähnen, wenn ein Landstrich oder ein Ort ihn trägt, denn im Allgemeinen ist er der Startschuss für eine Invasion, welche alles in kurzer Zeit verändert – meistens nicht zum Vorteil des damit geehrten Objektes (der Geirangerfjord zum Beispiel ist seit 2005 Weltnaturerbe – und wird seither nur so überrannt von Touristen).

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In ‘Hamn’ habe ich das einzige Hotel und Restaurant angetroffen bei meiner halben Umrundung der Insel

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Vorläufig besteht Senja noch vor allem aus schneebedeckten Bergen, welche steil abfallend oder sanft auslaufend die Fjorde begrenzen

Man sagt, dass ‘Senja alles kann, was auch Lofoten kann, nur besser».
Damit ist wohl dieser ursprüngliche Zustand gemeint: die Strassen sind schmal und oft holprig; hier gibt es ganz viel Natur und wenig ‘Deko’, auch Fischerhäuschen habe ich keine gesehen. Senja lädt zu Wanderungen ein; die Aussicht über die Berge muss fantastisch sein, und die Pfade sind noch weniger getrampelt als jene auf Lofoten.
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Wenn das Wetter allerdings so nass bleibt wie heute, wird das nichts mit der Wanderung. Es regnet beinahe ununterbrochen seit gestern Nachmittag; ich habe deshalb meinen Aufenthalt auf dem Platz Fjordbotn Camping um eine Nacht verlängert. 

100_8_Fjordbotn

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Ich habe einen Waschtag eingelegt und schaue durchs Frontfenster auf den melancholisch stimmenden Fjord hinaus. Am Ufer sitzen Möwen gelassen im Regen, und die Bergkonturen verschwimmen in den Wolken.
So ! Ich habe mir im Café neben der ‘Recepsjon’ ein Glacé geholt, geniesse es an der Wärme und finde meine Aussicht auch im Regen einfach herrlich.

100_10_SenjatrolletGestern kam ich auf dem Weg hierher am Senjatrollet-Park vorbei

Der Park mit Souvenirshop, Bar und Café ist einer der Ansätze für Tourismus auf Senja. Sein Thema ist ‘Hulder und Troll’ und alles, was dazu gehört. Süss gemacht.

Eine Hulder ist laut der nordischen Folklore eine verführerische Waldfee und Schutzgeist der Köhler (sie weckt den Köhler, falls in seinem Meiler ein Brand droht). Die schöne Frau mit langem blondem Haar trägt hinten herum allerdings einen angewachsenen Kuh- oder Fuchsschwanz, den sie unter ihren Röcken zu verstecken sucht. Sollte man eine Hulder antreffen, darf man niemals eine spöttische Bemerkung über den Schwanz machen, sonst kann es sein, dass man für immer im Schattenreich der Naturgeister verschwindet.

100_10b_Huldrer
«Ein junger, hungriger und erfolgloser Fischer begegnete einer Hulder am Fluss. Er sah ihren Schwanz, verneigte sich tief und machte die ehrenwerte Dame galant darauf aufmerksam, dass da wohl ihr Unterrock etwas hervorblitze. Die so Angesprochene versteckte den Schwanz, bedankte sich und empfahl dem Jungen, am gegenüberliegenden Ufer zu fischen, von wo er alsbald einen Korb voller Fische heimbringen konnte». (Das schöne an klassischen Sagen ist oft, dass einer Tat umgehend die Belohnung oder Bestrafung folgt, womit sämtliche falschen Schlüsse aus der Lektion fürs Leben verunmöglicht werden).

Wenn ein Mann eine Hulder heiratet, bringt sie ihm bei liebevoller Behandlung Kindersegen und Reichtum, bei schlechter verwandelt sie sich in eine boshafte Furie. (…könnte es sein, dass Huldrer viel weiter verbreitet sind als bisher vermutet wurde…?! 😊)

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Sieh sie dir an, sagte die Trollmutter. Sieh dir meine Söhne an ! Du wirst keine stattlicheren Trolle finden auf dieser Seite des Mondes !
(aus der Geschichtensammlung ‘Among Pixies and Trolls’)

Trolle sind Berggeister. Gemäss der nordischen Mythologie hausen sie in Utgard (Aussenwelt), die Menschen in Midgard (Erde) und die Asen in Asgard (Götterwelt).

Über die oft zitierte REGENBOGENBRÜCKE zwischen Midgard und Asgard, also der Verbindung zwischen Erdenwelt und Himmelreich, schritten einst die Götter, währenddem die Brücke heutzutage (gemäss Facebook) ausschliesslich von Hunden und Katzen – und gelegentlich einem Kaninchen oder Meerschweinchen – überquert wird. Seltsame Welt, nicht wahr ?

100_13_Souvenirs
Aber zurück zu den Trollen: je nachdem, wo man hinhört, sind Trolle verschlagene Unholde oder freundliche, simple Naturburschen. Mir gefallen die liebenswerten, kauzigen Waldriesen, die niemandem etwas tun (oder höchstens, weil sie ihre Kraft gelegentlich unterschätzen) und am liebsten zufrieden an ihrem Feuer im Berg sitzen oder (eher aus Versehen) Gutes bewirken.

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Leider musste ich noch weiter fahren, sonst hätte ich gerne von dieser «Hulder- und Troll-Medisinering» gekostet. Sie sieht sehr wirksam aus..

100_14c_DieterZurück auf dem Platz in Fjordbotn
Der Pfälzer Dieter macht jedes Jahr eine Solo-Motorrad-Reise, und seine Frau betreut derweil ihre vielen Haustiere daheim. Hier in Fjordbotn bewohnte er dieses kleine ‘Diogenes-Fass’ und hat zu meinem Kaffee köstliche Apfeltorte vom Café auf dem Platz mitgebracht.

Wir haben uns gegenseitig unser Mitgefühl für das lausige Wetter bekundet, wobei es ein Motorradfahrer natürlich viel unmittelbarer zu spüren bekommt. Dieter ist in letzter Zeit oft tropfnass und frierend auf den Plätzen oder im Hotel an.
Wenn das so weitergeht mit dem Regen, meinte er, wird er sich vom Hurtigruten-Schiff so weit in den Süden bringen zu lassen, bis er den Sommer wieder eingeholt hat.

Als ich heute um 8.30h gähnend die Markisen hochschob, war Dieter bereits abgereist.
Recht hatte er: am Morgen schien noch die Sonne, ab Mittag wurde es wieder unbeständig. Hurtigruten-Wetter, schätze ich..

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Aufbruch-Morgen. Die Sonne erhellt die Berge an der gegenüberliegenden Fjord-Küste. Ich habe beschlossen, dass durchaus Wetter-Hoffnung besteht. Das Wetter-App sieht viel Regen für die Zukunft, aber es weiss ja auch nicht alles (hoffentlich..)

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100_18_SamiShop100 Kilometer vor Tromsø kam ich bei den Samen vorbei.
Oder besser gesagt an einem schicken ‘Sami Shop’ im Zelt. Von aussen sieht der Laden ‘heidilandmässig’ urtümlich aus, im Innern ist es beinahe ein modernes ‘Shopping Center’ mit allem, was dazugehört.

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Beim Eingang im grossen Zelt brennt ein offenes Feuer, und an ein paar Tischen daneben kann man von der im grossen Kessel köchelnden Rentiersuppe essen; neben den Rentierfellen, Geweihen und Trockenfleisch gibt es aber auch edle Lammfellsocken, Mohairunterwäsche und teure Markenjacken zu kaufen. Und Nordlicht-Tee, Flechten-Kosmetik und natürlich endlos Souvenirs.
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Das europäische Urvolk der Samen nennt sich selber Sámi: ‘Sumpfleute’. In der Schule lernten wir sie noch als ‘Lappen’ kennen, als Nomaden, welche den wilden Rentieren auf deren ‘Futter-Wanderungen’ folgten und mit und von ihnen lebten. Geschätzt sind noch 100’000 Samen übrig geblieben, die meisten davon in Nordnorwegen, weitere in Schweden, Finnland und Russland. Ihr Siedlungsgebiet über die Landesgrenzen hinweg nennen die Samen Sápmi.

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Lediglich 4% der Bevölkerung innerhalb dieses Gebiets sind noch Samen, und davon wiederum leben gerade noch 10% von und mit Rentieren. Heute sind die Rentiere auch nicht mehr wild, sondern gezüchtet, und die Herden-Überwachung in den riesigen, eingezäunten Gebieten wird mit Schneemobilen oder Motocross-Motorrädern betrieben.

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Die Samen sind übrigens- zusammen mit Chinas Mongolen – Anwärter auf den Titel ‘Erfinder des Ski’. Sprachforscher vermuten sogar, dass der Name Skandinavien auf Skadi, die Göttin der Jagd und des Skilaufs zurückgehen könnte. Erfunden wurde das Skilaufen tatsächlich für die winterliche Jagd.

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200 Kilometer – und unzählige Fjorde und Schneeberge später – bin ich in Tromsø angekommen. Dort drüben liegt das Schiff der Hurtigruten, und mein Campingplatz ist ganz in der Nähe.

Ich wurde öfter schauerlich verregnet unterwegs – und dann wieder von der Sonne geblendet. Also gut: das Wetter-App scheint doch mehr zu wissen, als ich ihm zugetraut hätte.. 😊

Auf Moby Dicks Spuren: Waljagd !

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Als ich mich gestern in Andenes zur Walsafari angemeldet habe, wusste ich bereits, dass wir vor allem für dieses eine Bild hinausfahren würden, dass also die Pottwale nicht lustig vor dem Boot aus dem Wasser springen – mindestens aber immer mit dieser beeindruckenden Schwanzflossen-Show abtauchen – würden..

 

 

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Pottwale (Sperm Whales) können 20 Meter lang, 55 Tonnen schwer und mindestens 70 Jahre alt werden.
Ihr Kopf macht etwa einen Drittel der Länge aus und enthält das grösste Gehirn der Welt (es wiegt beinahe 10 Kilos). Die Menschen (mit max 1.4 Kilos Gehirn) sind neben Haien ihre einzigen Feinde.

Aus dem Wasser springen nur die männlichen Wale und nur zur Brautwerbung, und da der dickste Wal auch der begehrteste ist bei den Weibchen: wie kann man seine Fülle besser zeigen als mit einem gewaltigen Platsch ins Wasser ? Eben.
Hier oben leben nur männliche Wale, die Weibchen sind weiter südlich zu finden, wo es wärmer ist, bei den Azoren beispielsweise. Dort reisen die Männchen nach erledigter ‘Mastphase’ denn auch hin für die Brautwerbung.

Sie sind in dieser Gegend, weil hier zwei Kontinentalplatten aufeinandertreffen, die sich gegenseitig 1000 Meter in die Tiefe drücken. Dort unten leben die riesigen Tiefseekalamare, von denen sich die Wale vor allem ernähren (sie nehmen aber auch gerne Fische: vor einiger Zeit gab es hier ein paar Wale, die sich darauf spezialisiert hatten, den Fischern beim Einholen ihrer Angel halbe Heilbutts von den Haken zu beissen).

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Alle zwölf Teilnehmer (soviele fasst das Boot) wurden in diese hübschen Anzüge gesteckt, und als ob wir nicht schon warm genug gehabt hätten darin, gab es noch eine Schwimmweste darüber. Das ist eine der Walsafari-Angestellten, die ihren Job mit Begeisterung und viel Humor macht.
Vorher hatte jeder Teilnehmer 110 Euro ‘Expeditions-Tarif’ abgeliefert. Dafür wurden wir aber auch beinahe fünf Stunden lang bestens unterhalten ! Zusätzlich haben wir die Genugtuung, damit vielleicht etwas zur Rettung der Wale beizutragen; eines Tages läuft das Safari-Geschäft so gut, dass es lukrativer ist als der Walfang.

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Ich hatte eigentlich an ein Schiff gedacht für unseren Ausflug – stattdessen wurden wir zu diesem Gummibötchen geführt…

98_5_Pauschenpferdsitze
Wir nahmen rittlings Platz auf den ‘Mini-Pauschenpferd’-Sitzen und wurden ermahnt, beim Galopp übers Wasser mitzugehen statt uns gegen die Bewegung zu stemmen (das hat tatsächlich funktioniert – keiner wurde seekrank bei unserem manchmal doch etwas stürmischen Ritt). Ach ja: sobald wir aufs offene Meer kamen, waren wir alle froh um die wärmenden Anzüge !

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Die Einsamkeit des Waljägers auf hoher See

Wir sind 20 Kilometer vom sicheren Land entfernt und warten auf einen Wal…. Da die Tiere ein klickendes Echolot verwenden, welches mit 160 dB (223 dB unter Wasser!) die Lautstärke eines startenden Jets übertrifft, hört unser Captain immer mal wieder ins Wasser hinunter mit einem eingetauchten Hydrophon-Gerät, mit welchem er die Position eines Wales orten kann.

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Ein Blas, ein Blas ! Da ist einer !

Das Atemloch oder Blasloch des Pottwals liegt links oben auf dem Kopf – deshalb bläst er immer im 45° Winkel und ist daran von weitem erkennbar

Wie ein U-Boot liegt der blasende Wal auf dem Wasser und ruht sich aus. Er benötigt ein paar Minuten, um die alte Atemluft mehrfach ‘auszuniesen’ und sein System mit Sauerstoff zu sättigen. Das reicht dann wieder für einen Tauchgang von bis zu einer Stunde und auf über 1000 Meter Tiefe.

98_8_BlaslochDas geöffnete Blasloch des Pottwals beim Atemholen

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Mit jedem Atemholen nach dem Blasen steigt der gewaltige, 17 Meter lange Körper etwas mehr aus dem Meer..

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..dann rundet das Tier seinen Rücken (hier kann man die Stummel-Rückenflosse und die typischen Zacken vor der Schwanzflosse erkennen) und stürzt sich kopfüber in die Tiefe

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Unsere Walsafari-Anbieter arbeiten mit einer Walforschungsstation zusammen und freuten sich, dass sie diesen Wal noch nie vorher gesehen haben in diesen Gewässern

Sie erkennen ‘ihre Wale’ an den Verletzungen der Schwanzflosse und fotografieren jede Sichtung für die Wissenschaft. Diese Fotos stammen ebenfalls von ihnen, denn ihre Kamera stand günstiger (und etwas höher) als wir.

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heimwärts..

98_16_HafenFür uns Expeditionsteilnehmer gab es nach dem kühlen Heimkehren ein ‘Debriefing’ und eine köstliche, heisse Gemüsesuppe. Wir hatten ja auch alle rechtschaffen Hunger nach dem anstrengenden Einsatz auf dem Wasser… 

Endlich fuhr ich die paar Meter zum Fähren-Quai für Senja und sah gerade noch, wie sie ablegte. Macht nichts; ich bleibe gerne noch etwas länger.

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Das ist der Ausblick nach ein paar Schritten über die Wiese in Andenes
Ich stehe auf einem kleinen Hügel und sehe aufs Wasser und auf die kleinen Inseln draussen im Meer. Die haben herrliche Strände hier !

Was man nicht sieht, ist, dass die Temperatur um 10 Grad herum liegt und man schon im Windschatten sitzen muss, damit es einem nicht das Buch aus den Händen bläst.. 😊

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Das ist unser Strand. Allerfeinster, weisser Sand (und keiner geht schwimmen..)

Der blühende Löwenzahn verfolgt mich beharrlich seit Stockholm, wo ich so lange geblieben war, bis er nur noch aus einer Wolke weisser Schirmchen bestanden hatte. Seither zieht der Frühling mit mir nach Norden.
Solange der Löwenzahn blüht, ist alles gut. Sobald er durch Schnee abgelöst wird, halte ich südwärts !

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Mitternacht in Andenes
Da drüben wäre die Mitternachtssonne zu sehen, wenn es heute nicht so bewölkt wäre. Sie berührt dann im Norden ganz knapp den Horizont, ehe sie wieder aufgeht.