Hurra ! Wir müssen bleiben ! 😊

121_02b_Meerjungfrau

Ich habe mich ja plötzlich sehr fürs Freistehen interessiert, als ich befürchten musste, dass ich ab heute Montag dazu gezwungen sein könnte. Offenbar war das auch tatsächlich der griechische Original-Plan.
Dann wurde die Regierung wohl von ein paar anderen Sorgen abgelenkt und hat es verpasst, uns ‘Flöhe im Pelz’ rechtzeitig loszuwerden.

121_01_Achim
Achim, ein reisender Informatiker (toller Beruf für sowas!), ist seit ein paar Tagen mein Platznachbar hier im Camping Mani Beach.

Er hat Elektrotechnik studiert und mir freundlicherweise ein paar Nachhilfestunden  erteilt zum Thema ‘Die Rollen von Watt, Volt und Ampère’ im Haushalt – und wie man den persönlichen Strombedarf berechnet für ein eigenes Wohnmobil.

Glück gehabt ! – Ich bin gerade noch rechtzeitig einem Lehrmeister begegnet !
Pech gehabt ! Ich habe per Berechnung gelernt, dass ich tatsächlich nicht länger als zwei, drei Tage aufs Mal frei stehen kann. Dann ist die Wohnbatterie ziemlich leer – und wahrscheinlich bald danach auch kaputt, denn Bleibatterien soll man nicht weiter als bis zur halben Kapazität hinunter nutzen, ehe man sie wieder lädt.

121_02_ManiBeach

Angesichts dieser miesen Ausgangslage hatte ich DIE Idee ! Bei drohendem Rauswurf vom Platz würde ich mich dramatisch an den Olivenbaum neben dem WoMo ketten und davon Fotos an den Blick zu schicken. Und an die Bild-Zeitung. Und an alle anderen bekannten Klatschblätter, die auf genau solche Geschichten stehen.

Also gut; es wäre nicht wirklich eine Kette gewesen, sondern eher eine grüne Wäscheleine, und als Modell für ‘Ausgemergeltes Elend’ eigne ich mich denkbar schlecht nach Monaten von frittiertem Brot und dicker Béchamel-Sauce auf Moussaka. Aber etwas Besseres fiel mir auf die Schnelle halt nicht ein..

121_03_Olivenbaum
Mein Ankett-Olivenbaum
Das weisse Auto hinten gehört Birgitt. Sie ist zurück nach Deutschland geflogen und kommt ihr Auto dereinst wieder abholen. Von ihr ist auch das ‘Salontischchen’ samt Blumenstrauss in der Bierdose zurück geblieben.
Der Campingplatz-Hund Rocky ist ein alter Herr und spricht sämtliche Sprachen. Er reagiert auf jedes Kommando, lässt den Katzen ihr Futter und ist generell ein freundlicher Kerl.

 121_04_Notfallhinweis
Griechisch ist hübsch anzusehen, nicht ? Nicht wirklich praktisch zu lesen, aber hübsch..

Und dann kam gestern gegen 22 Uhr nach gellendem Alarmsignal diese Notfallinformationen auf mein Handy. Das war so laut, dass ich vor Schreck mein Buch von mir warf. Das ist gefährlich, wenn man’s auf dem Herzen hat; wissen die das nicht ?

121_05_staying

Jedenfalls: nun haben auch wir Ausgangssperre, einen abgeriegelten Campingplatz und den obligatorischen Passierschein-Antrag vor dem Einkaufen.

Vor allem aber dürfen wir den Platz vorläufig nicht mehr verlassen mit dem Auto.
Wir haben also weiterhin Strom, WC, warme Duschen und Wlan. 😊 Na also !

121_06_ManiBeach
..und gleich vor der Türe einen kilometerlangen Sandstrand.. Bei diesen Bedingungen dürfte ’social distancing‘ kein Problem werden..

Achim hat sich heute Morgen verabschiedet und sucht sich ein einsames Strandplätzchen, um da ungestört arbeiten zu können.

Wir stehen hier zu dritt in der vorderen Reihe: Ein Schweizer Paar, das in Ungarn lebt und dort jahrelang ein Ferienheim für Behinderte (aus der Schweiz) betrieben hat; ein französisches Paar, das in Spanien lebt und mit der wahrscheinlich letzten Fähre angereist ist. Und ich. Doch, hier lässt es sich sein.

Von allen Möglichkeiten ist dies momentan die beste für mich. Alles in allem habe ich Schwein gehabt (obwohl ein erzwungenes Wildcamping die Gelegenheit zum Üben gewesen wäre..). Die Umrüstung zum Freisteher strebe ich einfach nach Corona an. Also in einem Monat, in einem Jahr..

😊 Ich wünsche euch allen gute Gesundheit – und viel friedliche Gelassenheit fürs Daheim-Bleiben. Gebt acht auf euch !

121_07_Oldie

Stürmische Corona-Zeiten, und warum ich vielleicht eine Zeitlang nichts mehr sage…

120_01_ManiBeach
Ja, mir geht es sehr gut, und das Wetter ist meistens herrlich.

Aber auch hier jagen sich die Gegenmassnahmen zu der Coronavirus-Ausbreitung.
Zum Beispiel sollen am Montag nicht nur alle Flüge eingestellt werden, nach den Tavernen und Hotels sollen nun auch alle Campingplätze schliessen.

Wir sind ja nur vier Mobile auf dem Platz und stehen mit grossem Abstand zueinander. Ich hätte nicht gedacht, dass sie uns gewissermassen zu ‚Obdachlosen’ machen würden.

120_02_ManiBech
Mani Beach heute Nachmittag

Meine nette deutsche Nachbarin (wir hatten ein paar schöne Tage miteinander) hat heute in aller Eile einen Flug nach Frankfurt gebucht. Sie wird ihr Wohnmobil irgendwo einstellen und am Samstag von Athen aus abfliegen. Der Flug dauert zwei Stunden, die Busfahrt nach Athen fünf.

120_03_Gythio

Die anderen drei Wohnmobilisten auf dem Platz sind alle autark ausgerüstet. Den Schritt dazu hatte ich ebenfalls geplant während meiner diesjährigen Sommerpause in der Schweiz; leider kam Corona deutlich schneller als meine Unabhängigkeit.

Wenn ich also in nächster Zeit nichts mehr sage, liegt es eventuell daran, dass ich wild campen muss, ob ich will oder nicht – und deshalb auch kein wlan mehr habe…

Die Polizei notiert sich nun auch freistehende Campers, und danach darf man sich nicht mehr bewegen. Man muss sich also gut überlegen, wo man hinsteht.

120_04_GythioPharos
Vielleicht kommt aber auch alles anders…
Ich melde mich, falls ich trotzdem hierbleiben kann, falls sich eine andere Lösung ergibt oder spätestens dann, wenn ich nach der ‘wilden Zeit’ wieder in die Zivilisation zurückkehren darf (also von mir aus gerne nach zwei Tagen..).

Ich wünsche euch allen eine robuste Gesundheit und den grösstmöglichen Abstand zu allen Viren und Käfern.
Und viele kleine und grosse Lichtblicke in dieser seltsam dusteren Zeit.

Stalaktiten, Raclette und mein Wildcamping-Début beim Kap Tenaro

119_01_Vlychada
In Pyrgos Dirou bei Areopoli, in der Nähe vom Campingplatz Mani Beach, wurden 1923 die Tropfsteinhöhlen entdeckt und Vlychada genannt.

Die Vlychada-Höhlen reichen 15 km tief in den Berg hinein; sie sind somit eine der grössten Formationen Europas. Bisher sind allerdings erst gut anderthalb Kilometer tief erschlossen. Man kann sich mit einem Boot durch die etwas rudimentär beleuchtete Unterwelt fahren lassen, ehe man die letzten 200 Meter zum Ausgang auf einem befestigten Pfad zurücklegt.
119_02_Vlychada
Ich kam an einem bewölkten Tag gegen 15 Uhr dort an und war weit und breit die einzige Kundschaft. Deshalb gab es für mich einen privaten Gondoliere für die Solo-Fahrt. Es war gerade Flut, weshalb ich alle paar Meter den Kopf einziehen musste, um nicht Haare zu lassen an den tief hängenden Stalaktiten.

119_03_Vlychada
Der Spazierweg zurück zum Eingang um den ‘Höhlenberg’ herum führt an blühenden Sträuchern und Büschen der Küste entlang. Auch das sehr hübsch !

119_04_DirgosCoast

119_05_Heimweg
Die Fahrt zurück zum Campingplatz gestaltete mein Navi ‘Yannick’ wieder einmal spannend und jagte mich auf schmalen Nebenpfaden hoch über die Hügel, ehe er mich in einem Dörfchen ‚ausspuckte’ und selbstzufrieden meinte: «Am Ende der Strasse biegen Sie links ab..». Zum Trost für ‚Blut und Wasser‘ gab’s schöne Aussichten, und der Busch vorne links hat wirklich beinahe keine Kratzer hinterlassen..

119_06_Thiesel&Chantal

Ein Zürcher Paar fuhr gerade auf den Platz, als ich vom Höhlenausflug zurückkam. Thiesel (von Matthias) und Chantal haben gerade einmal zwei Wochen Zeit, ehe sie wieder auf die Fähre müssen.

Und schon hatte ich eine Einladung zum Raclette-Essen bei ihnen. Oh, Wonne !

119_07_Raclette

Olivier (rechts) ist aus dem Südtirol und hat deshalb eine Italienische Autonummer. Er hatte kaum sein Mini-SUV geparkt, da montierte sich der Platz-Chef Erion bereits hastig eine Maler-Maske gegen alle Unbill und den Corona-Virus…

119_07b_OliOli hätte nicht gedacht, dass er eines Tages zu den ‘Geächteten’ gehören könnte, ertrug es aber mit Galgenhumor und stellte erst einmal sein Zelt auf.

Eigentlich sollte Oli für eine humanitäre Rettungsorganisation zu einem Einsatz auf Lesbos reisen; dieser wurde aber kurzfristig abgeblasen wegen den Unruhen dort. Nun wird er sich für eine Weile in der Gegend aufhalten, um abrufbereit zu bleiben. Und er wurde ebenfalls an den Raclette-Abend eingeladen.

Das Raclette schmeckte einfach himmlisch, der Abend wurde laut, lustig, spät und kühl – und der nächste Tag war auffallend ruhig.. 😊

Auf in den Süden der Mani

Man hat mir empfohlen, der Küste entlang zu fahren und in Porto Kagio einen Fisch zu essen. Fisch ist so ziemlich das Teuerste, was man sich hier bestellen kann, denn das Meer ist beinahe leergefischt. Dennoch gibt es sie noch, die Fischer, die mit einem kleinen Netz oder mit der Harpune auf Fischfang gehen, und in Porto Kagio gibt es eine Fisch-Taverne. Na dann !


‘Die Mani’ ist das Gebiet zwischen dem Golf von Messenien und dem Golf von Lakonien auf dem Mittelfinger der Peloponnes
.

119_09_Manihaus

Die trockenen Ausläufer des Taygetos-Gebirges sind nur stellenweise zur Landbewirtschaftung geeignet, sie sind aber wunderschön, karg und schroff – und mit unzähligen Wohntürmchen übersät, die wie Bauklötzchen auf und an den Hügeln kleben.

119_10_ManiDorf

119_11_Manidorf

Diese Bauweise mit den Schiessscharten stammt aus der Zeit, als die Einwohner sich immer wieder gegen Eroberer zu wehren hatten. Auch neuere Häuser weisen diese Bauart auf, nun aber mit kleinen Fenstern.

119_12_PortoKagio
Porto Kagio liegt idyllisch in einer kleinen, geschützten Bucht

119_13_PortoKHafen

Ein Fischer und seine Frau flicken ihre Netze im kleinen Hafen

119_14_TavernaPortoDie Wirtin der ‘Taverna Porto’ nickt, ich könne gerne einen Fisch haben, solle aber vorher die Kapelle am Ende der schmalen Landzunge besuchen; bis zu meiner Rückkehr sei der Fisch dann fertig. Ja, gut, dann wollen wir mal..

119_16_KüsteEs ist ja auch wirklich schön hier

119_17_C&T_Taverne

Als ich zurück zur Hafentaverne komme, sind eben Chantal und Thiesel eingetroffen. Wie schön ! Heute ist Chantals Geburtstag, und zur Feier des Tages gönnen sie sich den grössten Fisch, den ihnen die Wirtin aus ihrer Kühlschublade präsentiert. Sie planen, am nächsten Tag mit Fahrrad und zu Fuss die südlichste Spitze des griechischen Festlands zu besuchen und laden mich ein, mitzumachen.

119_18_WildCamping

Das ist DIE Gelegenheit zum Wildcampen-Début ! Die kann ich mir nicht entgehen lassen.
Wir suchen also nach einem geeigneten Plätzchen für zwei Wohnmobile, und hier oben auf dem Berg würde es uns ausnehmend gut gefallen, wenn nicht die Zufahrt für Autos blockiert wäre.

c21086c2-0559-4b6d-a29e-8f580a8ff7d8Oder hier neben dem verwaisten Turmhaus – da hätten wir den Sonnenuntergang gut sehen können, dafür pfiff uns dort der Wind um die Ohren.. 

119_19_LagerHafenAlso bauen wir unsere Wagenburg am Ende des kiesigen Strandes von Porto Kagio (Bildmitte), in kurzer Gehdistanz zu unserer Fischtaverne und mit herrlichem Blick auf die Bucht hinaus.

xx_PortoKagio
Zum Nachtessen kocht uns Chantal nach dem mittäglichen Fisch Spaghetti an einer würzig-rahmigen Sauce, und wir fühlen uns wie im Paradies unter dem noch beinahe vollen Mond und einem Baldachin aus leuchtenden Sternen.

119_19b_LagerCloseUp
Am Ende blieben wir zwei Nächte in Porto Kagio, und ich habe viel gelernt über das Freistehen. Zum Beispiel:

vorher einkaufen ! Ich bin ja sehr für Tavernen-Besuche, aber ein Glas Apéro-Weisswein vor dem WoMo und mit Aussicht ist etwas Gutes, wenn man denn welchen hat (wie gut, dass Chantal und Thiesel eingekauft hatten..)

alles aufladen, solange man noch am Strom ist ! Handy, eBike, Zahnbürste, Autostaubsauger, eReader, Laptop etc etc. Es ist schon unglaublich, was alles aufgeladen werden muss heutzutage, nicht ? Zum Glück sind Taschentücher noch analog, sozusagen..
(..ich kam mit einem Mehrfachstecker in die Taverne und habe während dem Essen möglichst viel Ladung nachgeholt)

Gas-Funktions-Check ! Das hat tadellos geklappt, allerdings hätte gemahlener Kaffee, der nicht schon bald jährig ist, wohl besser geschmeckt
(etwas Heizung hätte auch nicht geschadet am kühlen Abend, aber ganz so weit bin ich noch nicht mit dem Gas – und im Bett war es ja warm)

Robidog-Säckchen einpacken – und Erfrischungstücher ! Chantal hatte eine ganze Rolle mit dabei. Sie liest die Geschäfte ihres Hundes immer auf und hält es ebenso mit den eigenen Geschäften beim Wildcampen. (ich bin noch nicht ganz sooo naturverbunden, wenn es sich vermeiden lässt, und habe stattdessen angeregt, nochmals in der Taverne zu essen – dort gab’s nämlich auch ein blitzsauberes WC). Die Beiden hinterlassen ausserdem prinzipiell kein einziges Stückchen Abfall, wo immer sie sind. Das nenne ich vorbildlich, so halte ich das nämlich auch.

Kap Tenero – der südlichste Punkt des griechischen Festlands auf der Mani

119_23_MosaikGleich zu Beginn der Wanderung kamen wir an diesem Mosaik vorbei. Es wird in den Reiseführern zwar als sehenswerte Ausgrabungsstätte angepriesen, aber sonst gibt es keinerlei Informationen dazu.. Eigentlich weiss niemand etwas darüber, also liegt es hier so vor sich hin und wird sich in Wind und Regen auflösen.. Ok, ‘Kultur’ für heute erledigt. Weiter geht’s.

119_24a_KapTenero
Links liegt der Golf von Lakonien, rechts jener von Messenien (leider ein kleines Stück ausserhalb meiner Handy-Kameralinse – Samsung Handies können dies scheint’s besser…) 

119_24_KüheAlpenstimmung. Die Kühe laufen frei. Das müssen sie auch, denn das Gras wächst nur sehr spärlich zwischen den borstigen Büschen

119_22_map


Ziel erreicht: der Leuchtturm am Kap Tenero ! Hier ist er, der südlichste Punkt auf dem griechischen Festland

Es ist schön hier, und aus dem ebenerdigen Stock des Leuchtturms dringt Musik – und etwas später Bratenduft. Da arbeitet jemand ! Was der wohl den ganzen Tag so macht ? Und muss er abends das Licht des Leuchtturms einschalten ?

119_xx_TavernaPortoWas für ein schöner Tag ! Am Abend sind wir nochmals bei der freundlichen Wirtin im ‘Porto’ eingekehrt und haben zum Apéro Horta-Pita serviert bekommen.

Horta ist ein Grünzeug, das hier wild auf den Wiesen wächst und als Gemüse gegessen wird. Es gleicht dem Löwenzahn und schmeckt wie dieser leicht bitter. Das Pita-Brot wird ganz dünn ausgewallt, mit dem Gemüse und Zwiebeln gefüllt und anschliessend auf dem Grill gebacken. Es schmeckte sagenhaft gut.

Vor dem Schlafengehen gab es auf unserem Logenplatz einen Kaffee mit einem schönesn Schuss Tsipouro, einem griechischen Grappa oder schlicht Tresterbrand.

119_xx_Orchidee

Am nächsten Morgen war für uns alle Aufbruch angesagt. Chantal und Thiesel reisen langsam Patras und der Fähre zu; ich möchte noch ein paar Ecken mehr von der Peloponnes sehen in den nächsten Tagen.

119_xx_ZweiGolfBild

119_xx_Gythion_WäscheZurück in Gythio habe ich gleich sehr lange geduscht 😊 – und gewaschen – für den Fall, dass ich wieder irgendwo frei stehen möchte – oder muss..

Letzte Coronaviruskrise – Entwicklung: sämtliche Tavernen auf der Peloponnes sind für mindestens 14 Tagen geschlossen; die Dörfer wie ausgestorben. 

Sogar auf dem Campingplatz musste der Chef die Tische und Stühle vor der Bar/Reception entfernen, damit wir (total 6 Personen) uns nicht dort zusammenrotten können… 😊

Griechenland muss mich eventuell länger behalten als die von rechts wegen gewährten sechs Monate. Nun ja.. 😊

 

Abschied von Finikounda und Serpentinenfahrt über die ‚Alpen‘ der Mani

118_01_Alpentunnel
Geschafft ! Ich habe Finikounda verlassen !

Nach beinahe vier Monaten der Sesshaftigkeit war das nicht einfach, denn irgendwann ist man so richtig daheim wie in alten Fellpantoffeln; man weiss, wie lange man das Wasser in der Dusche laufen lassen muss, bis es warm wird (drei Minuten mindestens !), wann man am besten abwäscht in der öffentlichen Küche (so lange es noch windstill ist – danach weht es einem beinahe die Teller aus der Hand) – und dass man gut daran tut, gleich zu Beginn des WC-Besuchs zu prüfen, welche Kabine noch Papier hat auf der Rolle… Man hat einen Lieblings-Spaziergang, eine Lieblings-Taverne und einen Lieblings-Minimarkt (weil der zum Beispiel die besten Granatäpfel verkauft).

118_02_FrühlingFrühling ! Im November hat die Regenzeit begonnen – wenn man die kurzen, heftigen Schauer im Abstand von vielleicht zehn Tagen als solche bezeichnen darf.
Sie haben es dennoch geschafft, das Gras unter den Olivenbäumen zu saftigem Grün zu erwecken, und zusammen mit den Wiesenblumen ergibt das einen leuchtend bunten Teppich in der Sonne.
In Griechenland gilt ja die Regel, dass Touristen das Land nach sechs Monaten verlassen müssen, sonst wird es teuer – Bussgelder können glatt 8000 Euro betragen. Da die meisten Campingplatzbetreiber in bar (also schwarz) bezahlt werden möchten, würde auch eine Kurtaxe nichts bringen für den Staat; stattdessen wurden Kameras an allen Grenzübertritten montiert zur Erfassung der Autonummern aller Einreisenden – und diese potentielle Geldquelle wird sehr genau überwacht.
Da ich schon noch etwas mehr sehen möchte vor Ablauf meines Willkomms, war nun wirklich Aufbruch angesagt.

 

Ehe es losging, radelten wir aber noch einmal zu der hübschen Hafenstadt Pylos, die in einer guten Stunde über die Hügel erreicht werden kann.

118_03_NavarinobuchtDas ist sie nochmals: die berühmte Bucht von Navarino mit dem Ort Pylos aus etwas anderer Perspektive
Hier erkennt man gut, wie eingekesselt die Armada der Osmanen 1827 in der Bucht vor Anker lag, als von der Meeröffnung links die Segelschiffe der Griechen, Briten, Franzosen und Russen angriffen und mit ihrem Sieg (trotz empfindlicher Unterzahl bei 28 gegen 89 Schiffe) erfolgreich das Ende der 400jährigen Herrschaft der Osmanen einläuteten.
118_04_Navarino_Schlacht

Wir sind auch nochmals in jeder unserer Stamm-Tavernen in Finikounda eingekehrt und haben uns dabei von den Wirten verabschiedet.

118_06_Priska&OskiEndgültiges Abschiedsessen in der Taverna Ploes. Die Schwyzer Priska und Oski waren schon als junge Familie Camper, und seit ihrer Pensionierung verbringen sie jeden Winter irgendwo im Süden. Zu empfehlen !

Mit ihnen habe ich am meisten Zeit verbracht; manchmal wurde unsere Gruppe grösser, dann schrumpfte sie wieder, und in den letzten Tagen waren wir praktisch die letzten drei Leute auf dem Campingplatz, wenn man von ein paar durchreisenden Franzosen und einem Finnen absieht – und einem Paar aus Athen, das hin und wieder für ein Wochenende anreist.
Am Donnerstag war es dann soweit: Priska und Oski hielten nord- und heimwärts, währenddem ich Richtung Osten den ‘Mittelfinger’ der Peloponnes unter die Räder nahm. Die Region heisst Lakonien und der Landstrich hier heisst Mani und ist dank dem Taygetos-Gebirge die hügeligste Gegend.
Das Auto sprang tadellos an nach seinen dreieinhalb Monaten Total-Stillstand. Uffa!

118_05_Rebberg
Ein typisch griechischer Rebberg

Die häufigste rote Rebsorte hier heisst Agiorgitiko; es werden aber auch Cuvées aus dieser Traube mit Merlot oder Cabernet Sauvignon angeboten, und Rosé aus Grenache-Trauben gibt es ebenfalls zu kaufen. Weissweine sind oft eine Mischung aus allen möglichen Trauben der Gegend. Die Weine sind sehr einfach, ‘Feinfühlige’ behaupten jedoch, dass sie nie Kopfweh hätten nach griechischem Wein. Nach all den Monaten hier habe ich mich an die süffige Leichtigkeit und den Mangel an Körper gewöhnt und finde den Wein meistens tiptop…. 😊

118_07_Koroni
Erster Halt: Koroni an der Ostseite gegenüber von Finikounda. Auch dies ein Hafenstädtchen mit ‘Geröllkrone’, die einst eine Festung war. Charme haben diese Orte aber allemal, weil sie – besonders jetzt im Winter, wo sich beinahe nur Einheimische (na ja, und ich) darin tummeln, viel einfache Echtheit verbreiten.

118_08_Koroni

118_09_Koroni
In solchen ‘Hauptstrassen’ kann es schon mal passieren, dass ein Wohnmobil mit Alkoven (also mit dem Bett über der Fahrkabine) einen Teil des Dachs an einem Balkon abstreift beim Umfahren parkierter Autos..

Und dann ging es über die ‚Alpen‘ zwischen Kalamata und Sparta

118_11_Geröll
«Steinschlaggefahr für die nächsten 40 Kilometer» kündigte eine Tafel an. Und tatsächlich muss hier am Morgen eine Art Geröllpflug die herabgefallenen Felsbrocken zur Seite gewischt haben. Immer wieder gab es solche Steinhaufen an der Strassenseite.

118_11_Serpentine
Hoch hinauf und tief hinunter; da kommt wirklich Alpen-Feeling auf . Das Schöne daran war, dass ich so gut wie ganz allein unterwegs war auf diesen Serpentinen

118_13_Alpentunnel2

118_16_Velofalle
Dann bin ich einer Tafel gefolgt, die ein «Panorma» versprach. Statt einer einladenden Terrasse endete die Fahrt auf einem schmalen Pfad zwischen zwei Häusern, beide mit dicken Eisenzäunen bewehrt.

Ich habe folgerichtig eine (theoretische) Dreipunkt-Wendung in 30 x 6 Grad vollzogen, und ich habe es bei einer der vielen Rückwärtsfahrten geschafft, die Velo-Lenkstange so präzise in den Gartenzaun zu hängen, dass alles Rütteln nichts mehr half und ich neun zusätzliche Punkte vor- und zurückfahren musste (inklusive mehrmaligem Aussteigen zur Lage-Einschätzung). Zum Glück war da niemand ausser mir und einem Hund, der mich die ganze Zeit geifernd anbellte durch den Zaun.

Dann hatte ich die Alpenüberquerung aber geschafft und bin jetzt in Gythion auf dem mittleren Peloponnes-Finger

118_21_ManiBeach
Der Strand vor dem Camping Mani Beach in Gythion

118_22_map

118_23_Taygetos
Das ist das Taygetos-Gebirge, für welches die Mani bekannt ist. Vor ein paar Wochen waren Berghöhen noch schneebedeckt. Ich bin froh, dass sie es nicht mehr sind..

Scheisse !!! (ähm: äxgüsi). Ich habe eben zum zweiten Mal alle Tagesaufnahmen direkt vom Handy gelöscht ! Ich weiss zwar, wie ich das vermeiden könnte, aber ich bin ja so ein Profi, dass ich mir den Extra-Schritt sparen kann… Geschieht mir zwar recht, aber schade um die Bilder ist es trotzdem.

118_18_Gythion
Die Fotos waren vom Hafendorf Gythion, und mein Stolz des Tages waren die Aufnahmen der langen, steilen Treppen, die die Leute am Hang täglich mehrfach erklimmen müssen, um zu ihren Hauseingängen zu gelangen. Viele davon steigen so fünf Stockwerke hoch an der Seite der Häuser, auf Treppen mit unregelmässigen Stufenhöhen. Und eine davon war bemalt wie eine Klavier-Tastatur. Herrlich !

Die anderen Bilder waren mein Lobgesang über das Blau des griechischen Meeres, den hübschen Leuchtturm, die Hafenpromenade – und über das Club Sandwich, das ich vor einer Snackbar mit 187ml Wein habe schmecken lassen. Und das da oben ist ein Trostfoto – vor allem für mich (ich sage aber nicht, woher ich das habe…).

Nach dem strahlenden Tag von gestern wirkt heute alles etwas grau – ich warte noch etwas ab (eine Stunde oder ein paar Tage), ehe ich mich aufmache an die Südspitze der Mani.. 😊

Fasnacht auf Griechisch (auf dem Lande..)

117_01_KingKarneval
Vor dem ‘Narren-Report’ hier noch ein sehr positiver Nachtrag zum Sinn des Lebens im Alter.
Mein Bruder Andi hat das beste aller Argumente geliefert für den geniesserischen  Müssiggang im Alter !
Es ist nämlich unsere ehrenvolle Aufgabe, die Wirtschaft in Schwung zu halten, indem wir unser Geld grosszügig ausgeben und so den Jungen einen Verdienst und eine Zukunft sichern. Das ist doch eine schöne Verpflichtung. Damit kann ich gut leben. 

117_02_HafendrinksAls ich diese Meinung auf der Terrasse am Meer vor der Hafentaverne zitierte, nahm der Engländer Tom (rechts) gedankenvoll einen Schluck Bier aus seiner Flasche und zählte dann auf, wem er alles ein Ein- und Auskommen gesichert habe mit dieser einen Flasche: dem Wirt, der Serviertochter, der Buffet-Angestellten und sogar dem Fahrer des Abfallwagens, der die Flasche abholen wird.

Und damit auch Metzger, Bauer, Koch und Winzer profitieren sollen, bestellte er danach einen halben Liter Rosé und eine Reihe Souvlaki-Fleischspiesschen mit Pommes. Wir taten es ihm gleich und haben ergo sitzend die Welt gerettet. Nun ja, beinahe.

117_21_pylos

Wenn man sich überlegt, wie eng alles zusammenhängt, kann man sich gut vorstellen, wie gravierend die Angst vor dem Coronavirus sich auf die Wirtschaft auswirken könnte.
Chinesische Restaurants weltweit haben bereits hohe Einbussen erlitten, aber auch Kinos, Festivals, Kreuzfahrtschiffe, Fähren, Ausstellungen und Fluggesellschaften beginnen darunter zu leiden, dass die Leute momentan lieber zuhause bleiben. Man ist sich der Zusammenhänge selten so richtig bewusst, wenn man kein eigenes Geschäft hat – oder nicht gerade den Sinn des Lebens sucht… 😊

Jetzt aber: Fasnacht im Dorf Finikounda

117_03_SpansauIm Fasnachts-Angebot: eine Spanferkel-Sau..

Am Sonntag war Fasnacht, und da wir alles mitmachen, wenn wir dabei gut essen und trinken können, haben wir uns nach dem Mittag auf den Weg ins Dorf gemacht.

Gewitzigt durch die Erfahrung am 6. Januar und dem doch eher braven Kreuz-Fischen-Event, waren wir überzeugt, dass unser Campingplatz-Grüppchen so gut wie die einzigen ‘Festteilnehmer’ sein würden im Dorf, aber weit gefehlt.

117_18_Fasnacht
Die Restaurants beidseits der schmalen kurzen Hauptstrasse waren bis auf den letzten Stuhl besetzt, und die Gäste wurden von zahlreichen, schlecht und recht zusammengehängten Lautsprechern so laut beschallt, dass bestimmt etliche einen Tinnitus mit nach Hause brachten. Ein paar Prinzessinnen und Nonnen waren in der Menge auszumachen, aber sonst wenig Verkleidete.

117_04_KreistanzABER ! Das ganze Dorf war da, ass und trank – und alles tanzte ! Jung und Alt fasste sich an den Händen und drehte sich gruppenweise im Kreis.

Und zwischen diesen Tanzkreisen legte immer mal wieder jemand einen Solo-Tanz hin, und gleich klatschten die Leute in der Nähe den Takt mit, leerten ganze Tüten Konfetti über den Kopf des Tanzenden und warfen ganze Stapel von Papierservietten hoch in die Luft, so dass diese wie Riesenschmetterlinge zu Boden flatterten.

117_05_SoloMann
Die Tanz-Choreographie ist denkbar einfach und kann von jedem in kurzer Zeit erlernt werden. Am schönsten fand ich, dass auch tatsächlich alle mitmachten: jung und alt, dick und dünn, Macho-Teenagers und Hach-Tussis, und alle spornten einander gegenseitig an durch ihr Klatschen.

Mal gab ein junger Mann eine Einlage und musste zwischendurch mehrere Gläser Bier austrinken, welche vor ihm auf den Boden gestellt wurden von seinen grinsenden Kollegen, mal drehte sich eine alte Frau in Filzpantoffeln zum rhythmischen Klatschen, mal eine stark geschminkte junge Frau, von der man nie vermutet hätte, dass sie so etwas mitmacht, mal fassten sich ganz selbstverständlich mehrere Männer zum Kreistanz an den Händen.

117_06_SoloFrau

117_07_SoloIoannisEllieAlle, alle machten sie mit; es war herzerwärmend.

Es wäre schön, wenn wir auch so etwas hätten, einen wirklich einfachen Tanz als Gemeinschafts-Erlebnis für alle statt der Kunstform, welche nur von Eingeweihten nach jahrelangem Üben beherrscht wird.

117_08_Himmelslaternen
Gegen Abend wurden unten am Hafen Himmelslaternen aufs Meer hinausgeschickt

Dieser Brauch scheint eher neu zu sein, wenn die Zahl der ins Meer gestürzten Laternen als Hinweis gelten darf. Ganz aussen am Steg wurde zum Schluss der Feierlichkeiten der Fasnachts-König verbrannt, den unsere Platzchefin Despina eigenhändig bekleidet und mit Stroh gestopft hatte am Morgen.

117_09_KönigFinale
König Karneval geht’s an den Kragen – ähm… zumindest dürfte das Feuer in etwa zwei Minuten dort ankommen.. 😊

Die griechische Küche

117_10_GR_Küche_Tirol
Nein, das ist sie noch nicht. Es ist nämlich so:
Unser Tiroler Koch Herbert behauptet ja, dass das Essen hier oft etwas lieblos angerichtet werde – und er war überzeugt, dass auch einfachstes Essen mit wenig Aufwand sehr viel gefälliger aussehen könnte. Bewiesen hat er mir dies, indem er mir ein ‘Dinner for One’ vorbeigebracht hat – siehe oben.

Toll ! Die simplen Fischstäbchen mit zweierlei Saucen und knusprig gebratenen Kartöffelchen und der kleine gemischte Salat waren nicht nur geschmacklich eine Freude, sondern auch eine Augenweide !

117_11_Buffet
Aber nun zum griechischen Essen: Der Süden der Peloponnes ist keine Tourismus-Hochburg, schon gar nicht im Winter; die meisten Gäste bleiben im Norden. Hier ist noch vieles sehr ursprünglich; die Gegend und die Menschen haben dafür auch den Charme des Einfachen, Echten.

Schwarz gekleidete Omas verkaufen im Minimarkt ihre wenigen Produkte und sprechen nur griechisch, die Wirte wohnen tagsüber in ihren Restaurants und schauen fern; der Metzger ist ebenso oft beim Kaffeetrinken vor einer Taverne anzutreffen wie in seinem Laden.

117_12_angerichtetEs ist angerichtet: links ein Fleisch-Wurst-Eintopf mit Linsen, daneben Spaghetti (alle Teigwaren heissen so), rechts eine richtig gute Spinat-Feta-Quiche. Der Platzteller ist aus allerfeinstem Aluminium, der Teller aus wasserfestem Wurstpapier. Sehr praktisch.

Unsere Campingplatzchefs Despina und ihr Mann Ioannis sind wie viele hier zuerst Olivenbauern und erst an zweiter Stelle Platzbetreiber.
Also muss das Essen ihre Arbeiter vor allem sättigen, nicht vor allem schön aussehen, und dafür ist eine 3cm-Schicht fester Béchamel-Sauce auf der schlanken Moussaka genau richtig.

117_20_Buffet
Unser Freitags-Buffet wird in hohen Blechen angerichtet, und ich finde das wunderbar ! Es ist immer mal wieder etwas richtig Gutes dabei, aber im Allgemeinen ist es ein einfaches Arbeiter-Essen, und von mir aus darf es das auch bleiben (die Katzen freuen sich auch immer so, wenn ich mit unseren Essresten bei ihnen hinterm Haus auftauche).
117_13_Elena_SeaBream
Für die (etwas) raffiniertere Küche besuchen wir die Restaurants im Dorf: die Moussaka im Omega ist legendär; in der Taverna Elena gibt es meistens frischen Fisch vom Grill, und wenn wir zwischendurch genug haben von den zehn Gerichten, die überall angeboten werden, bestellen wir uns ein warmes Club Sandwich mit Pommes und einen Ouzo in der Hafenbar.
Beinahe vergessen: ..oder wir kochen zur Abwechslung selber etwas : Salami mit Brot zum Beispiel, oder Beutelrösti mit Spiegeleiern.. 😊

117_19_Kotlett
Mir ist aufgefallen, dass die Griechen bei der Zubereitung von Fleisch ähnlich vorgehen wie viele Italiener und Spanier: die Stücke werden samt Sehnen, Knochen und allen Fettschichten kurz in die Pfanne gehauen und danach am Tisch lange und gründlich gekaut..

Ausreichend lange gekochte Fleischwürfel wiederum kommen an einer sehr schmackhaften Sauce, dafür zerfällt das Fleisch zu strähnigen Schnüren auf dem Teller, die auch gerne einmal quer stehen beim Halszäpfchen. Ich tippe jeweils auf ‘Alte Kuh’, würde das aber niemals einer Wirtin ins Gesicht sagen. Vorsichtshalber 😊

117_15_Gyros_PylosAuch ein ‘Pita-Gyros mit allem’ ist eine erfreuliche Sache
Das Gericht dürfte ein Erbe der Türken sein und ist wohl mit dem Döner verwandt. Unten im Beutel drin wird das Fleisch durch Tzatziki gewürzt. EUR 2.50. Lächerlich. Und richtig gut!

117_16_KrasiAspro_Hafen
Und wem alles nicht passt: ein Glas Weisswein mit Blick aufs Meer schmeckt immer !

117_17_WideliWädeli_Frühstück
Apropos Essen: meine momentane ‚Vor-dem-Haus-Katze’ ist meistens früher wach als ich, und sie fixiert mich sehr direkt durch die getönte Scheibe, wenn ich die Jalousie öffne.
Die Nachricht ist sonnenklar: Wann gibt’s hier endlich Frühstück ?

Wir Pensionisten und der Sinn des Lebens

Vor der Philosophie noch etwas Kulturgeschichte

‘Kultur’ besteht hierzulande oft aus ein paar Steinhaufen, in welche man sich riesige Burgen und blutige Schlachten hineindenken soll.
Mir fehlt es leider häufig an der nötigen Ergriffenheit, wenn ich zwischen zerfallenen Steinbrocken und ein paar PET-Flaschen stehe und mir ein berittenes Heer und flatternde Waffenröcke vorstelle, die sich gleich auf die drei übrig gebliebenen Säulenscheiben zu meinen Füssen stürzen sollen.

116_01_StOnoufriosView
Immerhin ist meine heutige ‘Kultur’ noch gut erkennbar als ein ehemaliger Friedhof. Wir haben uns zu viert durch unwegsames Gelände auf den Hügel gekämpft. Dort liegt der Felsenfriedhof St. Onoufrios aus dem 5. Jahrhundert vor Christus. Die Gebeine der einst in die porösen Felsen Gebetteten sind längst zu Staub zerfallen, und auch von der Einsiedelei aus dem 13. Jahrhundert ist kaum noch etwas auszumachen. Aber die Aussicht übers Land ist schön – und der Spaziergang war es auch.

116_02_StOnoufrios

116_03_StOnoufrios

116_04_StOnoufrios

116_05_TavernaThalasso
Nach dem Kultur-Wandern ein Tzatziki in der Bilderbuch-Taverne «Thalassa» (=Meer)

116_05_Käsebaum
An diesem typisch griechischen ‘Ziegenkäse-Baum’ kamen wir ebenfalls vorbei

Also zurück zur Laien-Philosophie und dem Sinn des Lebens im Alter

Die Frage, die ich meinen ebenfalls pensionierten Nachbar-Campern eine Zeitlang gestellt habe, ist: «Habt ihr nie ein etwas schlechtes Gewissen bei unserer genussbetonten Freiheit ? Nie das leise Gefühl, dass wir noch etwas tun müssten für das Geld, das wir erhalten ? Schon weil es uns gesundheitlich noch so gut geht ? Also etwas leisten für die Menschheit im Allgemeinen oder unser Selbstwertgefühl im Besonderen ?»
116_06_Blume
Einige meinten, wir hätten schon genug getan, basta ! (überraschenderweise sagten dies nicht etwa die wirklich zufriedenen Zeitgenossen).

Andere fanden, dass wir gar keine Wahl hätten als den uns ‘aufgezwungenen Ruhestand’ zu geniessen
(«Nehmt ihr noch ein Glas Wein ?»).

Etliche sind aus krankheitsbedingten Gründen unterwegs
, weil sie ihre voraussichtlich verkürzte Lebenserwartung noch so lange wie möglich auskosten möchten. Das ist ein guter Grund, nicht wahr ? (die Tatsache, dass wir ‘anderen’ uns für unsterblich halten, heisst ja leider nicht, dass wir es auch sind – also ein weiterer Punkt für den genussvollen Müssiggang)

Ein philosophisch gestimmter Mitcamper meinte sogar: «Wenn wir unseren Mitmenschen immer freundlich und hilfsbereit begegnen und so deren Leben erhellen, haben wir ja ebenfalls ‘etwas getan’. Und die so Begünstigten werden bestimmt die empfangene Herzlichkeit weitergeben».
Allzu viele Anhänger scheint diese schöne Schneeball-Variante leider noch nicht zu haben, sonst wäre längst alles eitel Friede und Freundlichkeit auf der Welt.

116_07_Äquadukt
In meinem kleinen Camper habe ich den ‘Haushalt’ in 10 Minuten erledigt;
weder ein unaufgeräumter Keller noch ein überfüllter Kleiderschrank halten mich also künstlich beschäftigt – und sei es auch nur durch tatenloses Schuldgefühl. Wenn ich also noch in einer Wohnung leben würde: würde die Wohnung als solches zu meinem neuen Lebenssinn ?

Ist es möglich, dass die übervolle Agenda von vielen Pensionierten vielleicht doch auch ein wenig Flucht vor dem ‘Nicht-mehr-gebraucht-Werden’ enthält und vor allem dazu dient, sich zu beschäftigen ?

116_08_Äquadukt

Das Umfrage-Resultat lautet jedenfalls: Jeder kann ja etwas tun, wenn er denn unbedingt will, aber müssen müssen wir auf keinen Fall mehr, auch nicht aus moralischer Sicht. Dieses befreit-Sein von allen Arbeits-Verpflichtungen ist eine Errungenschaft unserer Zeit, die wir einfach annehmen dürfen.

Meine Frage sei deshalb wohl einer inzwischen völlig überholten Weltanschauung entsprungen und dürfe getrost revidiert werden.
Stimmt: früher haben die Alten meistens bis zum Tode weiter gewerkelt, schon deshalb, weil ihnen für andere Hobbies die Zeit – und das nötige Kleingeld – gefehlt hatten.

Also gut ! Geniessen wir die Freiheit und die uns geschenkte Zeit.
DAS ist doch ein Vorsatz ! 

116_09_Moussaka_Omega
Voilà: Genuss ! Gemeinsames Moussaka–Essen der Finikounda-Camper bei Anastasia im Restaurant Omega. Ein lauter, lustiger Abend.

Übrigens: mit 15 Euro bist du dabei ! Dafür erhältst du mehrere Vorspeisen, Moussaka, viel Wein, Ouzo und Dessertkuchen. Und zum Abschied gibt’s für jeden noch eine Tasche voller süsser Orangen vom Baum der Wirtin.

Apropos Preise: Ein Essen im Restaurant kostet um 10 Euro herum; einen halben Liter Wein gibt’s für 3 Euro, einen Ouzo für 2.50. Allerfeinstes, kalt gepresstes Olivenöl erhält man für 3.50 den Liter und 500g Brot für 80 Cents.
ABER ! 250g Butter kosten EUR 4.40, und ein 200g-Becher Joghurt EUR 1.50. Deshalb schwimmt hier alles in Olivenöl statt in Butter..  Aber das ist eine ganz andere Geschichte.. 😊

Wir Pensionisten und die Frage nach dem Alter

Ich schlage vor, dass wir Alten auf die Frage nach unserer Jahreszahl die kokette Gegenfrage: «Rate mal !?» gänzlich unterlassen.
115_01_Kamelien
Meine Beobachtungen zum Thema haben nämlich ergeben, dass ausnahmslos JEDER (!) glaubt, ER/SIE sähe bedeutend jugendlicher aus als sein gleichaltriges (oder jüngeres) Gegenüber. Na ? Ist dir auch schon passiert, nicht wahr ?

Die etwas brutale Wahrheit lautet: unser Gegenüber denkt dasselbe über UNS ! 
Es gibt nur eine Lösung: wir müssen uns mit unserem Alter anfreunden. Wer sich nämlich nicht durch den Faltenwurf im Gesicht verrät, tut es durch die etwas trübe gewordenen Augen unter schweren Lidern, das steife Bücken, den Plissee-Vorhang an den Oberarmen oder einer sachte verschwindenden Taille..

115_02_Velo_nach_Pylos

‘Tiefenpsychologisch’ gesehen weichen wir mit dieser Jugendlich-Koketterie wohl der Frage nach unserer ‘Resthaltbarkeit’ aus.
Diese Illusion ist allerdings anstrengend, und wenn kein «Oh, ich hätte dich jünger eingeschätzt» kommt, auch etwas frustrierend.
Mein häufigster Kommentar zu Altersangaben von anderen ist jedenfalls ein höfliches: «Aha».

115_03_BurgPylos
Und deshalb gibt es hier wieder einmal meine Lebensweisheit Nummer eins:

MAN IST SO ALT, WIE MAN IST – KANN ABER SO BLÖD TUN, WIE MAN NOCH KANN ! 

Und nein, man ist NICHT so alt, wie man sich fühlt ! (erinnert ihr euch, wie ihr mit vielleicht 18 Jahren alles, aber auch wirklich alles, in alter, weiser Schwere besser wusstet als der Rest der Welt? Das war dasselbe Syndrom, einfach am anderen Ende der Skala..).

115_04_Pylos_Äquadukt

115_05_Souvlaki
115_06_Alexis
Also ! Lasst uns den griechischen Wein trinken und zu viele Souvlaki-Spiesschen essen; lasst uns aus voller Kehle mitsingen (auch leicht neben der Spur ist legitim); lasst uns tanzen mit dem alten Griechen in der Mythos-Bar, auch wenn wir keine Ahnung von seinem Tanz haben. Lasst uns feiern und freuen wir uns des Lebens ! Und am nächsten Tag ruhen wir uns den ganzen Tag lang aus. Das Leben ist schön !

PS Noch bin ich 66 Jahre alt, aber ich höre es schon förmlich: «Aha».

115_07_Katze